
Musterbeitrag
ReportageLes Crêtes · Waadt · 6. Januar 2027
Erst lesen, dann fahren
In Zusammenarbeit mit Freeride-Tage Les Crêtes
Am Morgen Schneeprofil und Verschüttetensuche, am Nachmittag die Linien, die man sonst nie allein fahren würde: ein Wochenende bei den Freeride-Tagen Les Crêtes, mit einer Bergführerin, die zuerst das Lesen lehrt.
Text Redaktion First TracksFotos Unsplash8 Min. LesezeitIm Heft · 4 Seiten →
Der erste Hang, den Céline uns an diesem Samstag zeigt, ist kein Hang, sondern ein Loch im Schnee. Anderthalb Meter tief, mit einer glatt gestochenen Wand, in der man die Geschichte des Winters ablesen kann wie in einem Buch. Die Schicht vom November, hart wie Eis. Darüber der Schnee von Weihnachten, locker und körnig. Und ganz oben, gebunden wie ein Deckel, der Neuschnee der letzten Nacht. «Da», sagt Céline und tippt auf eine dünne, graue Linie. «Da würde er abgleiten.»
Die Freeride-Tage in Les Crêtes beginnen jedes Jahr so: nicht mit einer Abfahrt, sondern mit einer Schaufel. Sechs Leute pro Gruppe, eine Bergführerin oder ein Bergführer, ein Wochenende in den Waadtländer Alpen. Am Morgen wird gelernt, am Nachmittag gefahren. Wer sich anmeldet, weiss das. Und trotzdem sieht man am ersten Morgen einigen an, dass sie lieber schon oben wären.
Céline ist seit zwölf Jahren Bergführerin, aufgewachsen im Tal, ausgebildet in Chamonix, und sie hat diese Ungeduld schon oft gesehen. Sie lässt sie gelten. «Die besten Freerider, die ich kenne, sind die geduldigsten», sagt sie. «Sie warten auf den richtigen Tag. Und an diesem Tag wissen sie genau, warum er der richtige ist.»

Drei Minuten
Nach dem Schneeprofil kommt die Suche. Céline vergräbt ein Lawinenverschütteten-Suchgerät irgendwo auf einer Wiese hinter dem Dorf, einen halben Meter tief, und schaut auf die Uhr. Dann schickt sie die Gruppe los. Die ersten Versuche sind chaotisch. Zwei laufen in die falsche Richtung, einer vergisst, sein eigenes Gerät auf Suchen zu stellen, und die Schaufeln stecken noch im Rucksack, als das Signal endlich gefunden ist. Sieben Minuten. «Zu lang», sagt Céline nur.
Sie erklärt, warum, ohne Folien und ohne erhobenen Zeigefinger, mit Zahlen, die jeder versteht. In den ersten fünfzehn Minuten überleben die meisten Verschütteten, danach sinkt die Chance schnell. Die Bergrettung braucht im besten Fall eine halbe Stunde. Die Einzigen, die rechtzeitig da sein können, sind die, die danebenstehen. Also wird geübt, wieder und wieder, bis jeder Handgriff sitzt: Signal suchen, Grobsuche, Feinsuche, Sonde, Schaufel. Beim fünften Durchgang findet die Gruppe das Gerät in drei Minuten und zehn Sekunden. Céline nickt. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass sie zufrieden aussieht.
Dazwischen geht es um Dinge, die man nicht üben kann, sondern nur lernen. Céline zeigt Fotos von Lawinenkegeln, erklärt die Gefahrenstufen und warum Stufe drei, die auf den ersten Blick mittelmässig klingt, die gefährlichste von allen ist. Es ist die Stufe, bei der die meisten Unfälle passieren, weil sie nach einem gewöhnlichen Tag aussieht. Sie spricht über Gruppen, die sich gegenseitig Mut machen, bis keiner mehr Nein sagt, und über die Kunst, als Erster umzukehren. Es wird still in der Stube. Ein paar machen sich Notizen, obwohl Céline gesagt hat, dass sie alles auf Papier mitbekommen.


Die erste Linie
Am Nachmittag geht es hinauf. Mit dem Sessellift bis zur Bergstation, dann zu Fuss, die Ski auf dem Rucksack, eine halbe Stunde über einen Grat. Oben stehen alle sechs nebeneinander und schauen in einen Hang, der breit und unberührt bis in den Wald hinunterfällt. Céline erklärt die Linie: oben rechts einfahren, wo der Wind den Schnee abgetragen hat, dann in die Mitte, weg von der Rinne links, die heute niemand fährt. Einer nach dem anderen, mit Abstand. Treffpunkt an der grossen Lärche.
Sie fährt zuerst, und man sieht ihr dabei zu wie einer Tänzerin, die eine Choreografie kennt. Dann ist man selbst dran. Die ersten Schwünge sind vorsichtig, der Kopf noch beim Schneeprofil vom Morgen, bei der grauen Linie in der Wand. Dann trägt der Schnee, der Rhythmus kommt, und für dreihundert Höhenmeter gibt es nichts als Pulver, Atem und den Baum, an dem Céline wartet. Unten sagt niemand etwas. Dann reden alle gleichzeitig.
Am Abend sitzt die Gruppe im Gasthaus am Dorfplatz, wo es Fondue moitié-moitié gibt und einen Weisswein aus dem Lavaux, dessen Rebberge man vom Gipfel aus sehen kann. Céline kommt später dazu, nach der Sitzung mit den anderen Bergführern, in der sie jeden Abend gemeinsam die Bedingungen für den nächsten Tag besprechen. Sie bringt einen Ausdruck des neuen Lawinenbulletins mit und legt ihn auf den Tisch, zwischen die Brotkörbe. Niemand fordert sie dazu auf, aber alle beugen sich darüber. Es ist der Moment, in dem man merkt, dass der Kurs funktioniert hat.
Bis zum See
Der Sonntag ist der Tag, für den alle gekommen sind. Die Wetterlage ist stabil, der Neuschnee hat sich gesetzt, und Céline hat am Abend vorher mit den anderen Bergführern das Lawinenbulletin besprochen. Die Entscheidung fällt beim Frühstück: Es geht auf die grosse Abfahrt, 1200 Höhenmeter vom Gipfel bis an den Waldrand, mit Blick auf den Genfersee, der an klaren Tagen unten im Dunst liegt wie ein Stück Himmel, das herabgefallen ist.
Die Abfahrt dauert zwei Stunden, mit Pausen, in denen Céline den nächsten Abschnitt erklärt und die Gruppe sich sammelt. Niemand fährt vor, niemand bleibt zurück. Im unteren Teil wird der Schnee schwerer, und Céline zeigt, wie man das Gewicht verlagert, damit die Ski nicht stecken bleiben. Am Ende stehen sechs Leute im Wald, die sich am Freitag noch nicht kannten, mit weissem Schnee bis zu den Hüften und einem Grinsen, das bis zum Abend nicht verschwindet. Beim Abschlussessen im Dorf wird nicht über die Abfahrt geredet, sondern über das Schneeprofil. Über die graue Linie. Und darüber, dass man sie jetzt sieht.
Die Freeride-Tage gibt es seit acht Jahren. Gegründet wurden sie von einer Handvoll Bergführern aus dem Tal, die genug davon hatten, jeden Winter von Unfällen zu hören, die nicht hätten passieren müssen. Ihr Gedanke war einfach: Wer abseits der Piste fahren will, soll es lernen, bevor er es tut, und nicht danach. Inzwischen kommen Teilnehmende aus der ganzen Schweiz, viele zum zweiten oder dritten Mal. Céline sagt, sie freue sich am meisten über die, die im folgenden Jahr wiederkommen und erzählen, dass sie einen Hang nicht gefahren sind.
Was es braucht
Wer mitkommt, sollte jede Piste sicher fahren können, auch die schwarzen, und einen Tag mit Aufstiegen durchhalten. Lawinenausrüstung, also Suchgerät, Schaufel und Sonde, kann vor Ort gemietet werden, ebenso ein Airbag-Rucksack. Die Gruppen werden nach Können eingeteilt. Ob gefahren wird und wo, entscheiden die Bergführer jeden Morgen neu — wer bucht, bucht ein Wochenende am Berg, nicht eine bestimmte Abfahrt.
Gut zu wissen
- Wann
- 24. bis 26. Januar, Freitagabend bis Sonntag
- Gruppen
- Höchstens sechs Personen pro Bergführer
- Können
- Schwarze Pisten sicher, Aufstiege bis eine Stunde
- Material
- Suchgerät, Schaufel, Sonde — Miete vor Ort
Der erste Hang, den Céline uns an diesem Samstag zeigt, ist kein Hang, sondern ein Loch im Schnee. Anderthalb Meter tief, mit einer glatt gestochenen Wand, in der man die Geschichte des Winters ablesen kann wie in einem Buch. Die Schicht vom November, hart wie Eis. Darüber der Schnee von Weihnachten, locker und körnig. Und ganz oben, gebunden wie ein Deckel, der Neuschnee der letzten Nacht. «Da», sagt Céline und tippt auf eine dünne, graue Linie. «Da würde er abgleiten.»
Die Freeride-Tage in Les Crêtes beginnen jedes Jahr so: nicht mit einer Abfahrt, sondern mit einer Schaufel. Sechs Leute pro Gruppe, eine Bergführerin oder ein Bergführer, ein Wochenende in den Waadtländer Alpen. Am Morgen wird gelernt, am Nachmittag gefahren. Wer sich anmeldet, weiss das. Und trotzdem sieht man am ersten Morgen einigen an, dass sie lieber schon oben wären.
Céline ist seit zwölf Jahren Bergführerin, aufgewachsen im Tal, ausgebildet in Chamonix, und sie hat diese Ungeduld schon oft gesehen. Sie lässt sie gelten. «Die besten Freerider, die ich kenne, sind die geduldigsten», sagt sie. «Sie warten auf den richtigen Tag. Und an diesem Tag wissen sie genau, warum er der richtige ist.»
- Personen pro Gruppe, höchstens
- 6Personen pro Gruppe, höchstens
- Bis ein Verschütteter gefunden sein muss
- 3 Min.Bis ein Verschütteter gefunden sein muss
- Abfahrt am Sonntag, bis zum See
- 1200 mAbfahrt am Sonntag, bis zum See
Drei Minuten
Nach dem Schneeprofil kommt die Suche. Céline vergräbt ein Lawinenverschütteten-Suchgerät irgendwo auf einer Wiese hinter dem Dorf, einen halben Meter tief, und schaut auf die Uhr. Dann schickt sie die Gruppe los. Die ersten Versuche sind chaotisch. Zwei laufen in die falsche Richtung, einer vergisst, sein eigenes Gerät auf Suchen zu stellen, und die Schaufeln stecken noch im Rucksack, als das Signal endlich gefunden ist. Sieben Minuten. «Zu lang», sagt Céline nur.
Sie erklärt, warum, ohne Folien und ohne erhobenen Zeigefinger, mit Zahlen, die jeder versteht. In den ersten fünfzehn Minuten überleben die meisten Verschütteten, danach sinkt die Chance schnell. Die Bergrettung braucht im besten Fall eine halbe Stunde. Die Einzigen, die rechtzeitig da sein können, sind die, die danebenstehen. Also wird geübt, wieder und wieder, bis jeder Handgriff sitzt: Signal suchen, Grobsuche, Feinsuche, Sonde, Schaufel. Beim fünften Durchgang findet die Gruppe das Gerät in drei Minuten und zehn Sekunden. Céline nickt. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass sie zufrieden aussieht.
Dazwischen geht es um Dinge, die man nicht üben kann, sondern nur lernen. Céline zeigt Fotos von Lawinenkegeln, erklärt die Gefahrenstufen und warum Stufe drei, die auf den ersten Blick mittelmässig klingt, die gefährlichste von allen ist. Es ist die Stufe, bei der die meisten Unfälle passieren, weil sie nach einem gewöhnlichen Tag aussieht. Sie spricht über Gruppen, die sich gegenseitig Mut machen, bis keiner mehr Nein sagt, und über die Kunst, als Erster umzukehren. Es wird still in der Stube. Ein paar machen sich Notizen, obwohl Céline gesagt hat, dass sie alles auf Papier mitbekommen.

Die erste Linie
Am Nachmittag geht es hinauf. Mit dem Sessellift bis zur Bergstation, dann zu Fuss, die Ski auf dem Rucksack, eine halbe Stunde über einen Grat. Oben stehen alle sechs nebeneinander und schauen in einen Hang, der breit und unberührt bis in den Wald hinunterfällt. Céline erklärt die Linie: oben rechts einfahren, wo der Wind den Schnee abgetragen hat, dann in die Mitte, weg von der Rinne links, die heute niemand fährt. Einer nach dem anderen, mit Abstand. Treffpunkt an der grossen Lärche.
Sie fährt zuerst, und man sieht ihr dabei zu wie einer Tänzerin, die eine Choreografie kennt. Dann ist man selbst dran. Die ersten Schwünge sind vorsichtig, der Kopf noch beim Schneeprofil vom Morgen, bei der grauen Linie in der Wand. Dann trägt der Schnee, der Rhythmus kommt, und für dreihundert Höhenmeter gibt es nichts als Pulver, Atem und den Baum, an dem Céline wartet. Unten sagt niemand etwas. Dann reden alle gleichzeitig.
Am Abend sitzt die Gruppe im Gasthaus am Dorfplatz, wo es Fondue moitié-moitié gibt und einen Weisswein aus dem Lavaux, dessen Rebberge man vom Gipfel aus sehen kann. Céline kommt später dazu, nach der Sitzung mit den anderen Bergführern, in der sie jeden Abend gemeinsam die Bedingungen für den nächsten Tag besprechen. Sie bringt einen Ausdruck des neuen Lawinenbulletins mit und legt ihn auf den Tisch, zwischen die Brotkörbe. Niemand fordert sie dazu auf, aber alle beugen sich darüber. Es ist der Moment, in dem man merkt, dass der Kurs funktioniert hat.
«Die besten Freerider, die ich kenne, sind die geduldigsten. Sie warten auf den richtigen Tag — und wissen, warum er der richtige ist.»


Bis zum See
Der Sonntag ist der Tag, für den alle gekommen sind. Die Wetterlage ist stabil, der Neuschnee hat sich gesetzt, und Céline hat am Abend vorher mit den anderen Bergführern das Lawinenbulletin besprochen. Die Entscheidung fällt beim Frühstück: Es geht auf die grosse Abfahrt, 1200 Höhenmeter vom Gipfel bis an den Waldrand, mit Blick auf den Genfersee, der an klaren Tagen unten im Dunst liegt wie ein Stück Himmel, das herabgefallen ist.
Die Abfahrt dauert zwei Stunden, mit Pausen, in denen Céline den nächsten Abschnitt erklärt und die Gruppe sich sammelt. Niemand fährt vor, niemand bleibt zurück. Im unteren Teil wird der Schnee schwerer, und Céline zeigt, wie man das Gewicht verlagert, damit die Ski nicht stecken bleiben. Am Ende stehen sechs Leute im Wald, die sich am Freitag noch nicht kannten, mit weissem Schnee bis zu den Hüften und einem Grinsen, das bis zum Abend nicht verschwindet. Beim Abschlussessen im Dorf wird nicht über die Abfahrt geredet, sondern über das Schneeprofil. Über die graue Linie. Und darüber, dass man sie jetzt sieht.
Die Freeride-Tage gibt es seit acht Jahren. Gegründet wurden sie von einer Handvoll Bergführern aus dem Tal, die genug davon hatten, jeden Winter von Unfällen zu hören, die nicht hätten passieren müssen. Ihr Gedanke war einfach: Wer abseits der Piste fahren will, soll es lernen, bevor er es tut, und nicht danach. Inzwischen kommen Teilnehmende aus der ganzen Schweiz, viele zum zweiten oder dritten Mal. Céline sagt, sie freue sich am meisten über die, die im folgenden Jahr wiederkommen und erzählen, dass sie einen Hang nicht gefahren sind.
Ein Wochenende in Les Crêtes
- Fr 18.00Begrüssung, Materialcheck, Lawinenbulletin lesen.
- Sa 8.30Schneeprofil und Verschüttetensuche hinter dem Dorf.
- Sa 13.30Aufstieg über den Grat, erste Linie im Pulver.
- So 8.00Entscheid beim Frühstück: die grosse Abfahrt.
- So 15.00Ankunft im Wald, 1200 Höhenmeter tiefer.

Was es braucht
Wer mitkommt, sollte jede Piste sicher fahren können, auch die schwarzen, und einen Tag mit Aufstiegen durchhalten. Lawinenausrüstung, also Suchgerät, Schaufel und Sonde, kann vor Ort gemietet werden, ebenso ein Airbag-Rucksack. Die Gruppen werden nach Können eingeteilt. Ob gefahren wird und wo, entscheiden die Bergführer jeden Morgen neu — wer bucht, bucht ein Wochenende am Berg, nicht eine bestimmte Abfahrt.
Gut zu wissen
- Wann
- 24. bis 26. Januar, Freitagabend bis Sonntag
- Gruppen
- Höchstens sechs Personen pro Bergführer
- Können
- Schwarze Pisten sicher, Aufstiege bis eine Stunde
- Material
- Suchgerät, Schaufel, Sonde — Miete vor Ort
Unser Tipp
Das Lawinenbulletin schon in der Woche davor jeden Abend lesen. Wer am Freitag weiss, wie der Winter gewachsen ist, versteht am Samstag das Schneeprofil doppelt.

Der erste Hang, den Céline uns an diesem Samstag zeigt, ist kein Hang, sondern ein Loch im Schnee. Anderthalb Meter tief, mit einer glatt gestochenen Wand, in der man die Geschichte des Winters ablesen kann wie in einem Buch. Die Schicht vom November, hart wie Eis. Darüber der Schnee von Weihnachten, locker und körnig. Und ganz oben, gebunden wie ein Deckel, der Neuschnee der letzten Nacht. «Da», sagt Céline und tippt auf eine dünne, graue Linie. «Da würde er abgleiten.»
Die Freeride-Tage in Les Crêtes beginnen jedes Jahr so: nicht mit einer Abfahrt, sondern mit einer Schaufel. Sechs Leute pro Gruppe, eine Bergführerin oder ein Bergführer, ein Wochenende in den Waadtländer Alpen. Am Morgen wird gelernt, am Nachmittag gefahren. Wer sich anmeldet, weiss das. Und trotzdem sieht man am ersten Morgen einigen an, dass sie lieber schon oben wären.
Céline ist seit zwölf Jahren Bergführerin, aufgewachsen im Tal, ausgebildet in Chamonix, und sie hat diese Ungeduld schon oft gesehen. Sie lässt sie gelten. «Die besten Freerider, die ich kenne, sind die geduldigsten», sagt sie. «Sie warten auf den richtigen Tag. Und an diesem Tag wissen sie genau, warum er der richtige ist.»
- Personen pro Gruppe, höchstens
- 6Personen pro Gruppe, höchstens
- Bis ein Verschütteter gefunden sein muss
- 3 Min.Bis ein Verschütteter gefunden sein muss
- Abfahrt am Sonntag, bis zum See
- 1200 mAbfahrt am Sonntag, bis zum See

Drei Minuten
Nach dem Schneeprofil kommt die Suche. Céline vergräbt ein Lawinenverschütteten-Suchgerät irgendwo auf einer Wiese hinter dem Dorf, einen halben Meter tief, und schaut auf die Uhr. Dann schickt sie die Gruppe los. Die ersten Versuche sind chaotisch. Zwei laufen in die falsche Richtung, einer vergisst, sein eigenes Gerät auf Suchen zu stellen, und die Schaufeln stecken noch im Rucksack, als das Signal endlich gefunden ist. Sieben Minuten. «Zu lang», sagt Céline nur.
Sie erklärt, warum, ohne Folien und ohne erhobenen Zeigefinger, mit Zahlen, die jeder versteht. In den ersten fünfzehn Minuten überleben die meisten Verschütteten, danach sinkt die Chance schnell. Die Bergrettung braucht im besten Fall eine halbe Stunde. Die Einzigen, die rechtzeitig da sein können, sind die, die danebenstehen. Also wird geübt, wieder und wieder, bis jeder Handgriff sitzt: Signal suchen, Grobsuche, Feinsuche, Sonde, Schaufel. Beim fünften Durchgang findet die Gruppe das Gerät in drei Minuten und zehn Sekunden. Céline nickt. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass sie zufrieden aussieht.
Dazwischen geht es um Dinge, die man nicht üben kann, sondern nur lernen. Céline zeigt Fotos von Lawinenkegeln, erklärt die Gefahrenstufen und warum Stufe drei, die auf den ersten Blick mittelmässig klingt, die gefährlichste von allen ist. Es ist die Stufe, bei der die meisten Unfälle passieren, weil sie nach einem gewöhnlichen Tag aussieht. Sie spricht über Gruppen, die sich gegenseitig Mut machen, bis keiner mehr Nein sagt, und über die Kunst, als Erster umzukehren. Es wird still in der Stube. Ein paar machen sich Notizen, obwohl Céline gesagt hat, dass sie alles auf Papier mitbekommen.


Die erste Linie
Am Nachmittag geht es hinauf. Mit dem Sessellift bis zur Bergstation, dann zu Fuss, die Ski auf dem Rucksack, eine halbe Stunde über einen Grat. Oben stehen alle sechs nebeneinander und schauen in einen Hang, der breit und unberührt bis in den Wald hinunterfällt. Céline erklärt die Linie: oben rechts einfahren, wo der Wind den Schnee abgetragen hat, dann in die Mitte, weg von der Rinne links, die heute niemand fährt. Einer nach dem anderen, mit Abstand. Treffpunkt an der grossen Lärche.
Sie fährt zuerst, und man sieht ihr dabei zu wie einer Tänzerin, die eine Choreografie kennt. Dann ist man selbst dran. Die ersten Schwünge sind vorsichtig, der Kopf noch beim Schneeprofil vom Morgen, bei der grauen Linie in der Wand. Dann trägt der Schnee, der Rhythmus kommt, und für dreihundert Höhenmeter gibt es nichts als Pulver, Atem und den Baum, an dem Céline wartet. Unten sagt niemand etwas. Dann reden alle gleichzeitig.
Am Abend sitzt die Gruppe im Gasthaus am Dorfplatz, wo es Fondue moitié-moitié gibt und einen Weisswein aus dem Lavaux, dessen Rebberge man vom Gipfel aus sehen kann. Céline kommt später dazu, nach der Sitzung mit den anderen Bergführern, in der sie jeden Abend gemeinsam die Bedingungen für den nächsten Tag besprechen. Sie bringt einen Ausdruck des neuen Lawinenbulletins mit und legt ihn auf den Tisch, zwischen die Brotkörbe. Niemand fordert sie dazu auf, aber alle beugen sich darüber. Es ist der Moment, in dem man merkt, dass der Kurs funktioniert hat.
Die besten Freerider, die ich kenne, sind die geduldigsten. Sie warten auf den richtigen Tag — und wissen, warum er der richtige ist.

Bis zum See
Der Sonntag ist der Tag, für den alle gekommen sind. Die Wetterlage ist stabil, der Neuschnee hat sich gesetzt, und Céline hat am Abend vorher mit den anderen Bergführern das Lawinenbulletin besprochen. Die Entscheidung fällt beim Frühstück: Es geht auf die grosse Abfahrt, 1200 Höhenmeter vom Gipfel bis an den Waldrand, mit Blick auf den Genfersee, der an klaren Tagen unten im Dunst liegt wie ein Stück Himmel, das herabgefallen ist.
Die Abfahrt dauert zwei Stunden, mit Pausen, in denen Céline den nächsten Abschnitt erklärt und die Gruppe sich sammelt. Niemand fährt vor, niemand bleibt zurück. Im unteren Teil wird der Schnee schwerer, und Céline zeigt, wie man das Gewicht verlagert, damit die Ski nicht stecken bleiben. Am Ende stehen sechs Leute im Wald, die sich am Freitag noch nicht kannten, mit weissem Schnee bis zu den Hüften und einem Grinsen, das bis zum Abend nicht verschwindet. Beim Abschlussessen im Dorf wird nicht über die Abfahrt geredet, sondern über das Schneeprofil. Über die graue Linie. Und darüber, dass man sie jetzt sieht.
Die Freeride-Tage gibt es seit acht Jahren. Gegründet wurden sie von einer Handvoll Bergführern aus dem Tal, die genug davon hatten, jeden Winter von Unfällen zu hören, die nicht hätten passieren müssen. Ihr Gedanke war einfach: Wer abseits der Piste fahren will, soll es lernen, bevor er es tut, und nicht danach. Inzwischen kommen Teilnehmende aus der ganzen Schweiz, viele zum zweiten oder dritten Mal. Céline sagt, sie freue sich am meisten über die, die im folgenden Jahr wiederkommen und erzählen, dass sie einen Hang nicht gefahren sind.
Ein Wochenende in Les Crêtes
- Fr 18.00Begrüssung, Materialcheck, Lawinenbulletin lesen.
- Sa 8.30Schneeprofil und Verschüttetensuche hinter dem Dorf.
- Sa 13.30Aufstieg über den Grat, erste Linie im Pulver.
- So 8.00Entscheid beim Frühstück: die grosse Abfahrt.
- So 15.00Ankunft im Wald, 1200 Höhenmeter tiefer.
Was es braucht
Wer mitkommt, sollte jede Piste sicher fahren können, auch die schwarzen, und einen Tag mit Aufstiegen durchhalten. Lawinenausrüstung, also Suchgerät, Schaufel und Sonde, kann vor Ort gemietet werden, ebenso ein Airbag-Rucksack. Die Gruppen werden nach Können eingeteilt. Ob gefahren wird und wo, entscheiden die Bergführer jeden Morgen neu — wer bucht, bucht ein Wochenende am Berg, nicht eine bestimmte Abfahrt.
Unser Tipp
Das Lawinenbulletin schon in der Woche davor jeden Abend lesen. Wer am Freitag weiss, wie der Winter gewachsen ist, versteht am Samstag das Schneeprofil doppelt.
Gut zu wissen
- Wann
- 24. bis 26. Januar, Freitagabend bis Sonntag
- Gruppen
- Höchstens sechs Personen pro Bergführer
- Können
- Schwarze Pisten sicher, Aufstiege bis eine Stunde
- Material
- Suchgerät, Schaufel, Sonde — Miete vor Ort



