
Musterbeitrag
ReportageHochtal · Wallis · 12. Januar 2027
Dreitausend Meter Stille
In Zusammenarbeit mit Gletscherwelt Hochtal und Chalet Tannwald
Ein Tag auf dem Gletscher mit dem Mann, der jeden Morgen entscheidet, wo die Piste über das Eis führt. Vom ersten Zug ins autofreie Dorf bis zum Hot Tub im Lärchenwald.
Text Redaktion First TracksFotos Unsplash14 Min. LesezeitIm Heft · 6 Seiten →
Der erste Zug ins Hochtal kommt um 7.12 Uhr an, und er ist an diesem Januarmorgen fast leer. Ein paar Saisonniers mit Rucksäcken, ein Bäcker, der die Nachtschicht hinter sich hat, zwei Frauen mit Tourenski. Vor dem Bahnhof stehen keine Autos, nur Elektrotaxis, so klein wie Golfwagen, und ein Pferdeschlitten, dessen Kutscher in eine Wolldecke gewickelt auf Gäste wartet, die um diese Zeit nicht kommen. Es ist minus vierzehn Grad. Der Schnee knirscht so laut, dass man sich nach den eigenen Schritten umdreht.
Das Hochtal ist seit fünfzig Jahren autofrei, und man merkt es zuerst am Klang. Kein Motor, keine Schneeketten, kein Rückwärtsgang, der piepst. Nur das Scharren der Schaufeln vor den Hotels und, von weit oben, das dumpfe Brummen der Pistenfahrzeuge, die seit Mitternacht am Gletscher arbeiten. Über dem Dorf steht das Horn, dieser eine Berg, den jedes Kind in der Schweiz zeichnen kann. Um halb acht liegt sein Gipfel schon im Licht, während unten im Dorf noch die Laternen brennen.
Wir sind mit Reto verabredet, dem Pistenchef der Gletscherwelt. Er wartet an der Talstation, die Hände in den Taschen einer Jacke, die schon einiges gesehen hat, und schaut nicht auf uns, sondern auf den Himmel. «Kein Wind», sagt er zur Begrüssung. «Das ist auf dreitausend Metern das grösste Geschenk.» Dann steigen wir in die erste Kabine, die für das Personal fährt, eine halbe Stunde vor den Gästen.
Die Fahrt dauert zwanzig Minuten und führt in drei Sektionen durch drei Welten. Zuerst über den Lärchenwald, in dem der Raureif an jedem Ast hängt, dann über die Alpweiden, auf denen im Sommer die Schwarznasenschafe grasen und die jetzt unter zwei Metern Schnee liegen, schliesslich über eine Felswand, an der die Kabine so nah vorbeischwebt, dass man die Eiszapfen zählen könnte. Reto schaut während der ganzen Fahrt aus dem Fenster und funkt mit den Pisteurs, die schon oben sind. Kurze Sätze, Zahlen, Namen von Hängen. Dass in dieser Kabine noch jemand sitzt, scheint er vergessen zu haben. Erst an der Bergstation dreht er sich um. «Jetzt zeig ich euch, wo wir arbeiten.»

Ein Berg aus altem Eis
Die Gletscherwelt ist ein Skigebiet, das sich jedes Jahr ein wenig verschiebt. Das Eis unter der Piste fliesst, langsam, aber unaufhörlich, etwa dreissig Meter pro Jahr talwärts. Wo im letzten Winter die Abfahrt eine sanfte Kurve machte, öffnet sich in diesem Herbst vielleicht eine Spalte. Deshalb beginnt die Saison für Reto nicht im November, sondern im August, wenn der Gletscher schneefrei ist und man sieht, was er im Sommer getan hat. Dann geht er mit einem Glaziologen das ganze Gebiet ab, misst, markiert und zeichnet die Linien neu.
Im Winter liegt über allem eine dicke Schneedecke, und die Spalten sind unsichtbar. Das macht die Arbeit nicht leichter, sondern genauer. Jeden Morgen fährt Reto die präparierten Pisten ab, bevor die Gäste kommen, prüft die Markierungen und schaut, ob sich über Nacht etwas verändert hat. Eine Mulde im Schnee, die gestern nicht da war, kann eine Brücke sein, die nachgibt. Dann wird gesperrt, sofort, und die Piste bekommt eine neue Linie. «Der Gletscher sagt dir nicht, was er vorhat», sagt Reto. «Aber er gibt dir Zeichen. Man muss sie nur jeden Tag lesen.»
Was der Sommer wegnimmt, versucht die Gletscherwelt im Winter zu schützen. An den empfindlichsten Stellen, dort, wo die Piste vom Eis auf den Fels wechselt, liegen im Juni riesige weisse Vliesbahnen über dem Schnee, Hunderte Meter lang, festgenäht wie eine Decke über einem schlafenden Tier. Sie werfen das Sonnenlicht zurück und halten den Schnee darunter kühl. Im Herbst werden sie wieder eingerollt, und was darunter überlebt hat, wird die Grundlage für die erste Piste im November. Es ist mühsame Arbeit, und Reto macht sich keine Illusionen darüber, was sie bewirkt. «Wir retten den Gletscher nicht», sagt er. «Aber wir gewinnen ein paar Winter.»
Er ist im Hochtal aufgewachsen, sein Vater war Bergführer, sein Grossvater auch. Als Kind ist er im Sommer über diesen Gletscher gestiegen, an einem Seil, das ihm bis zur Brust reichte. Heute sind es dieselben Hänge, aber nicht mehr derselbe Gletscher. Er ist schmaler geworden, in manchen Sommern verliert er einen Meter Dicke. Wo früher die Zunge bis an den Felsriegel reichte, liegt heute Geröll. Reto sagt das ohne Pathos, wie jemand, der täglich mit einer Tatsache arbeitet, die er nicht ändern kann, aber genau beobachtet.
Die Piste über der Spalte
Um neun öffnen die Bahnen für alle. Die ersten Gäste stehen da schon an der Bergstation, viele von ihnen mit dem Zug aus Bern oder Zürich gekommen, die Skischuhe im Rucksack. Die Abfahrt vom Gletscher ist lang und breit, ein weisser Strom, der zwischen Felsinseln hindurch nach unten fliesst. Man fährt hier nicht schnell, weil man nicht will. Alle paar Schwünge bleibt jemand stehen und dreht sich um, weil hinter ihm das Horn steht, so nah, dass man meint, die Kletterrouten an der Nordwand zu erkennen.
Links der Piste stehen in regelmässigen Abständen orange Stangen. Sie sind keine Dekoration. Dahinter beginnt der Teil des Gletschers, den niemand präpariert und niemand kontrolliert, und in dem die Spalten unter dem Schnee warten. Reto zeigt auf eine sanfte Senke, kaum zu sehen, fünfzig Meter neben der Piste. «Da drunter ist sie dreissig Meter tief», sagt er. Er sagt es ruhig, aber er sagt es so, dass man es nicht vergisst. Im letzten Winter musste die Rettung zweimal ausrücken, beide Male zu Fahrern, die eine Abkürzung gesucht hatten.
Für Freerider gibt es im Hochtal Bergführer, die genau dort hingehen, wo die Stangen enden, mit Seil, Gurt und dem Wissen, wo das Eis trägt. Die Touren sind ausgebucht, oft schon im Herbst. Für alle anderen gilt die einfachste Regel der Berge: Die Piste ist der Ort, an dem jemand anderes schon nachgedacht hat. Reto hat an diesem Morgen um sechs damit angefangen.
Die Abfahrt bis zur Mittelstation misst sieben Kilometer und verliert unterwegs fast tausend Höhenmeter. Oben ist der Schnee trocken und griffig, kalt genug, dass er unter den Kanten singt. Weiter unten, wo die Sonne seit dem Morgen auf den Hang scheint, wird er weicher, und die Schwünge werden länger. Wer konditionsstark ist, fährt sie ohne Halt. Die meisten halten zweimal: einmal für das Foto und einmal, weil die Oberschenkel es verlangen.
Wer nachts im Dorf aufwacht, sieht die Lichter der Pistenfahrzeuge hoch oben am Berg, wie Glühwürmchen an einem dunklen Hang. Sieben Maschinen arbeiten jede Nacht, auf dem Gletscher mit Seilwinden, die an Ankern im Eis befestigt sind, weil die Hänge zu steil sind, um sie ohne Sicherung zu befahren. Einer der Fahrer ist Dario, seit neun Wintern dabei. Er sagt, das Schönste an seiner Arbeit sei der Moment gegen fünf Uhr, wenn er die letzte Bahn gezogen hat und das erste Licht hinter dem Horn aufgeht. Dann stellt er den Motor ab, trinkt einen Kaffee aus der Thermosflasche und schaut auf die Piste, die noch niemand gefahren ist.
Mittag auf dreitausend Metern
Das Restaurant an der Bergstation ist das höchste im Gebiet, und man isst hier im Januar draussen, wenn kein Wind geht. Die Liegestühle stehen in einer Reihe auf der Terrasse, alle zur Sonne gedreht. Es gibt Gerstensuppe, Raclette vom Holzfeuer und einen Apfelkuchen, für den manche Stammgäste extra hochfahren. Die Luft ist dünn, man merkt es beim Treppensteigen und daran, dass der Kaffee hier oben schneller kalt wird. Unten im Tal liegt eine Nebeldecke, flach wie ein See, aus der nur die höchsten Gipfel ragen.
Am Nebentisch sitzt eine Familie aus Basel, Vater, Mutter, zwei Kinder, die Skischuhe aufgeknöpft. Sie sind um sechs Uhr in den Zug gestiegen, mit Ski und Rucksäcken, und haben in Visp umgestiegen, während die Kinder auf den Sitzen schliefen. Ein Auto haben sie nicht, und sie vermissen es hier nicht. Das Gepäck ist am Vorabend vorausgefahren und steht schon in ihrem Zimmer. Die Tochter, neun Jahre alt, hat heute zum ersten Mal den Gletscher bis zur Mittelstation geschafft, ohne Pause. Sie erzählt es jedem, der in Hörweite sitzt, auch uns. Ihr Vater lächelt und bestellt noch einen Apfelkuchen.
Reto isst nicht auf der Terrasse, sondern im Stübli hinter der Küche, mit den Pisteurs, die um sechs angefangen haben wie er. Es wird wenig geredet, viel gefunkt. Einer meldet, dass der Wind am Grat dreht, ein anderer, dass der Schlepplift am Gletscherplateau wieder läuft. Reto hört zu, nickt und isst seine Suppe. Zwischendurch zeichnet er mit dem Löffel eine Linie auf die Tischplatte, wie die Piste morgen verlaufen soll, falls der Wind den Schnee am Plateau verfrachtet. Die Pisteurs schauen hin, und keiner widerspricht. Am Nachmittag wird er die Pisten noch einmal abfahren, dann um halb fünf die letzte Kontrollfahrt machen, nachdem die letzten Gäste unten sind. «Der schönste Moment ist der, wenn der Berg wieder leer ist», sagt er. «Dann hört man ihn.»
Abends im Lärchenholz
Das Chalet Tannwald liegt am oberen Dorfrand, dort, wo die Häuser aufhören und der Lärchenwald beginnt. Es hat fünf Suiten, gebaut aus dem Holz eines alten Stalls, der hier zweihundert Jahre stand. Die Balken sind fast schwarz, die Böden knarren, und in jeder Suite brennt ein Ofen, den man selbst einheizt. Gastgeberin Martina hat das Haus vor zehn Jahren von ihrer Tante übernommen und behutsam umgebaut. «Ich wollte, dass man hier spürt, wie alt das Holz ist», sagt sie. «Nicht ein Hotel, das so tut, als wäre es ein Chalet.»
Hinter dem Haus, zwischen den Lärchen, steht ein Hot Tub aus Holz, geheizt mit einem Ofen, der zischt, wenn Schnee darauf fällt. Um sechs Uhr abends ist es dunkel, und das Wasser hat achtunddreissig Grad. Von hier aus sieht man das Horn nicht mehr als Berg, sondern als Schatten, der die Sterne verdeckt. Wer sich zurücklehnt, hört das Knacken im Holz, ein fernes Glockenspiel aus dem Dorf und sonst nichts. Martina bringt Tee mit Honig aus dem Tal und lässt ihre Gäste allein.
Am Morgen deckt Martina den Frühstückstisch in der alten Stube, unter einer Decke, die so niedrig ist, dass grosse Gäste den Kopf einziehen. Es gibt Brot aus dem Holzofen der Dorfbäckerei, Ziegenkäse von einem Hof weiter unten im Tal, Aprikosenkonfitüre aus dem Rhonetal und Eier von den eigenen Hühnern, die den Winter in einem Stall hinter dem Hot Tub verbringen. Wer früh auf dem Gletscher sein will, bekommt einen Thermosbecher Kaffee in die Hand gedrückt und ein Birnbrot in den Rucksack. «Hier soll niemand hungrig auf den Berg», sagt sie. Es klingt wie ein Familiengesetz.
Zum Abendessen geht man ins Dorf, zu Fuss, fünf Minuten durch den Schnee. Es gibt Walliser Teller mit Trockenfleisch und Roggenbrot, Fondue mit Weisswein aus dem Rhonetal und Gespräche, die bald beim Wetter von morgen landen. Die Gletscherwelt meldet für die Nacht Schnee, zwanzig Zentimeter, bei leichtem Wind. Reto wird also wieder um sechs am Berg sein. Und wer den ersten Zug nimmt, ist um neun wieder dort, wo der Tag heute angefangen hat.
Was es braucht
Ins Hochtal kommt man mit dem Zug, im Stundentakt, die letzten zwanzig Minuten durch eine Schlucht, in der im Januar die Wasserfälle gefroren sind. Wer mit dem Auto anreist, parkt im Nachbarort und steigt dort um. Gepäck lässt sich vom Bahnhof direkt ins Hotel bringen, die Elektrotaxis warten bei jeder Ankunft. Wer leicht reist, geht zu Fuss: Kein Hotel im Dorf liegt weiter als eine Viertelstunde vom Bahnhof entfernt. Die Gletscherpisten sind bis Ende April offen, die schönsten Tage aber sind die kalten, klaren im Januar, wenn der Schnee trocken bleibt und das Tal leer ist.
Auf dreitausend Metern ist es fünfzehn Grad kälter als im Dorf, und die Sonne brennt doppelt so stark. Sonnencreme, Brille und eine warme Schicht im Rucksack gehören dazu. Wer abseits der markierten Pisten fahren will, tut das nur mit einem Bergführer. Die Spalten im Gletscher sind im Winter unsichtbar, und sie sind tief.
Das Chalet Tannwald kann man suitenweise buchen oder als Ganzes, für Gruppen bis zwölf Personen. Die Suiten an der Waldseite sind die ruhigsten, die an der Talseite haben den Blick auf das Horn. Mindestaufenthalt sind im Januar drei Nächte. Wer nur einen Tag Zeit hat, nimmt den ersten Zug hinauf und den letzten hinunter — und hat damit noch immer acht Stunden auf über zweitausend Metern.
Der erste Zug ins Hochtal kommt um 7.12 Uhr an, und er ist an diesem Januarmorgen fast leer. Ein paar Saisonniers mit Rucksäcken, ein Bäcker, der die Nachtschicht hinter sich hat, zwei Frauen mit Tourenski. Vor dem Bahnhof stehen keine Autos, nur Elektrotaxis, so klein wie Golfwagen, und ein Pferdeschlitten, dessen Kutscher in eine Wolldecke gewickelt auf Gäste wartet, die um diese Zeit nicht kommen. Es ist minus vierzehn Grad. Der Schnee knirscht so laut, dass man sich nach den eigenen Schritten umdreht.
Das Hochtal ist seit fünfzig Jahren autofrei, und man merkt es zuerst am Klang. Kein Motor, keine Schneeketten, kein Rückwärtsgang, der piepst. Nur das Scharren der Schaufeln vor den Hotels und, von weit oben, das dumpfe Brummen der Pistenfahrzeuge, die seit Mitternacht am Gletscher arbeiten. Über dem Dorf steht das Horn, dieser eine Berg, den jedes Kind in der Schweiz zeichnen kann. Um halb acht liegt sein Gipfel schon im Licht, während unten im Dorf noch die Laternen brennen.
Wir sind mit Reto verabredet, dem Pistenchef der Gletscherwelt. Er wartet an der Talstation, die Hände in den Taschen einer Jacke, die schon einiges gesehen hat, und schaut nicht auf uns, sondern auf den Himmel. «Kein Wind», sagt er zur Begrüssung. «Das ist auf dreitausend Metern das grösste Geschenk.» Dann steigen wir in die erste Kabine, die für das Personal fährt, eine halbe Stunde vor den Gästen.
Die Fahrt dauert zwanzig Minuten und führt in drei Sektionen durch drei Welten. Zuerst über den Lärchenwald, in dem der Raureif an jedem Ast hängt, dann über die Alpweiden, auf denen im Sommer die Schwarznasenschafe grasen und die jetzt unter zwei Metern Schnee liegen, schliesslich über eine Felswand, an der die Kabine so nah vorbeischwebt, dass man die Eiszapfen zählen könnte. Reto schaut während der ganzen Fahrt aus dem Fenster und funkt mit den Pisteurs, die schon oben sind. Kurze Sätze, Zahlen, Namen von Hängen. Dass in dieser Kabine noch jemand sitzt, scheint er vergessen zu haben. Erst an der Bergstation dreht er sich um. «Jetzt zeig ich euch, wo wir arbeiten.»
- Höchste Piste, auf dem Gletscher
- 3100 mHöchste Piste, auf dem Gletscher
- Am Bahnhof, morgens um sieben
- −14 °CAm Bahnhof, morgens um sieben
- Pisten, schneesicher bis April
- 92 kmPisten, schneesicher bis April
Ein Berg aus altem Eis
Die Gletscherwelt ist ein Skigebiet, das sich jedes Jahr ein wenig verschiebt. Das Eis unter der Piste fliesst, langsam, aber unaufhörlich, etwa dreissig Meter pro Jahr talwärts. Wo im letzten Winter die Abfahrt eine sanfte Kurve machte, öffnet sich in diesem Herbst vielleicht eine Spalte. Deshalb beginnt die Saison für Reto nicht im November, sondern im August, wenn der Gletscher schneefrei ist und man sieht, was er im Sommer getan hat. Dann geht er mit einem Glaziologen das ganze Gebiet ab, misst, markiert und zeichnet die Linien neu.
Im Winter liegt über allem eine dicke Schneedecke, und die Spalten sind unsichtbar. Das macht die Arbeit nicht leichter, sondern genauer. Jeden Morgen fährt Reto die präparierten Pisten ab, bevor die Gäste kommen, prüft die Markierungen und schaut, ob sich über Nacht etwas verändert hat. Eine Mulde im Schnee, die gestern nicht da war, kann eine Brücke sein, die nachgibt. Dann wird gesperrt, sofort, und die Piste bekommt eine neue Linie. «Der Gletscher sagt dir nicht, was er vorhat», sagt Reto. «Aber er gibt dir Zeichen. Man muss sie nur jeden Tag lesen.»
Was der Sommer wegnimmt, versucht die Gletscherwelt im Winter zu schützen. An den empfindlichsten Stellen, dort, wo die Piste vom Eis auf den Fels wechselt, liegen im Juni riesige weisse Vliesbahnen über dem Schnee, Hunderte Meter lang, festgenäht wie eine Decke über einem schlafenden Tier. Sie werfen das Sonnenlicht zurück und halten den Schnee darunter kühl. Im Herbst werden sie wieder eingerollt, und was darunter überlebt hat, wird die Grundlage für die erste Piste im November. Es ist mühsame Arbeit, und Reto macht sich keine Illusionen darüber, was sie bewirkt. «Wir retten den Gletscher nicht», sagt er. «Aber wir gewinnen ein paar Winter.»
Er ist im Hochtal aufgewachsen, sein Vater war Bergführer, sein Grossvater auch. Als Kind ist er im Sommer über diesen Gletscher gestiegen, an einem Seil, das ihm bis zur Brust reichte. Heute sind es dieselben Hänge, aber nicht mehr derselbe Gletscher. Er ist schmaler geworden, in manchen Sommern verliert er einen Meter Dicke. Wo früher die Zunge bis an den Felsriegel reichte, liegt heute Geröll. Reto sagt das ohne Pathos, wie jemand, der täglich mit einer Tatsache arbeitet, die er nicht ändern kann, aber genau beobachtet.

Die Piste über der Spalte
Um neun öffnen die Bahnen für alle. Die ersten Gäste stehen da schon an der Bergstation, viele von ihnen mit dem Zug aus Bern oder Zürich gekommen, die Skischuhe im Rucksack. Die Abfahrt vom Gletscher ist lang und breit, ein weisser Strom, der zwischen Felsinseln hindurch nach unten fliesst. Man fährt hier nicht schnell, weil man nicht will. Alle paar Schwünge bleibt jemand stehen und dreht sich um, weil hinter ihm das Horn steht, so nah, dass man meint, die Kletterrouten an der Nordwand zu erkennen.
Links der Piste stehen in regelmässigen Abständen orange Stangen. Sie sind keine Dekoration. Dahinter beginnt der Teil des Gletschers, den niemand präpariert und niemand kontrolliert, und in dem die Spalten unter dem Schnee warten. Reto zeigt auf eine sanfte Senke, kaum zu sehen, fünfzig Meter neben der Piste. «Da drunter ist sie dreissig Meter tief», sagt er. Er sagt es ruhig, aber er sagt es so, dass man es nicht vergisst. Im letzten Winter musste die Rettung zweimal ausrücken, beide Male zu Fahrern, die eine Abkürzung gesucht hatten.
Für Freerider gibt es im Hochtal Bergführer, die genau dort hingehen, wo die Stangen enden, mit Seil, Gurt und dem Wissen, wo das Eis trägt. Die Touren sind ausgebucht, oft schon im Herbst. Für alle anderen gilt die einfachste Regel der Berge: Die Piste ist der Ort, an dem jemand anderes schon nachgedacht hat. Reto hat an diesem Morgen um sechs damit angefangen.
«Der Gletscher sagt dir nicht, was er vorhat. Aber er gibt dir jeden Morgen Zeichen. Man muss sie nur lesen.»
Die Abfahrt bis zur Mittelstation misst sieben Kilometer und verliert unterwegs fast tausend Höhenmeter. Oben ist der Schnee trocken und griffig, kalt genug, dass er unter den Kanten singt. Weiter unten, wo die Sonne seit dem Morgen auf den Hang scheint, wird er weicher, und die Schwünge werden länger. Wer konditionsstark ist, fährt sie ohne Halt. Die meisten halten zweimal: einmal für das Foto und einmal, weil die Oberschenkel es verlangen.
Wer nachts im Dorf aufwacht, sieht die Lichter der Pistenfahrzeuge hoch oben am Berg, wie Glühwürmchen an einem dunklen Hang. Sieben Maschinen arbeiten jede Nacht, auf dem Gletscher mit Seilwinden, die an Ankern im Eis befestigt sind, weil die Hänge zu steil sind, um sie ohne Sicherung zu befahren. Einer der Fahrer ist Dario, seit neun Wintern dabei. Er sagt, das Schönste an seiner Arbeit sei der Moment gegen fünf Uhr, wenn er die letzte Bahn gezogen hat und das erste Licht hinter dem Horn aufgeht. Dann stellt er den Motor ab, trinkt einen Kaffee aus der Thermosflasche und schaut auf die Piste, die noch niemand gefahren ist.


Mittag auf dreitausend Metern
Das Restaurant an der Bergstation ist das höchste im Gebiet, und man isst hier im Januar draussen, wenn kein Wind geht. Die Liegestühle stehen in einer Reihe auf der Terrasse, alle zur Sonne gedreht. Es gibt Gerstensuppe, Raclette vom Holzfeuer und einen Apfelkuchen, für den manche Stammgäste extra hochfahren. Die Luft ist dünn, man merkt es beim Treppensteigen und daran, dass der Kaffee hier oben schneller kalt wird. Unten im Tal liegt eine Nebeldecke, flach wie ein See, aus der nur die höchsten Gipfel ragen.
Am Nebentisch sitzt eine Familie aus Basel, Vater, Mutter, zwei Kinder, die Skischuhe aufgeknöpft. Sie sind um sechs Uhr in den Zug gestiegen, mit Ski und Rucksäcken, und haben in Visp umgestiegen, während die Kinder auf den Sitzen schliefen. Ein Auto haben sie nicht, und sie vermissen es hier nicht. Das Gepäck ist am Vorabend vorausgefahren und steht schon in ihrem Zimmer. Die Tochter, neun Jahre alt, hat heute zum ersten Mal den Gletscher bis zur Mittelstation geschafft, ohne Pause. Sie erzählt es jedem, der in Hörweite sitzt, auch uns. Ihr Vater lächelt und bestellt noch einen Apfelkuchen.
Reto isst nicht auf der Terrasse, sondern im Stübli hinter der Küche, mit den Pisteurs, die um sechs angefangen haben wie er. Es wird wenig geredet, viel gefunkt. Einer meldet, dass der Wind am Grat dreht, ein anderer, dass der Schlepplift am Gletscherplateau wieder läuft. Reto hört zu, nickt und isst seine Suppe. Zwischendurch zeichnet er mit dem Löffel eine Linie auf die Tischplatte, wie die Piste morgen verlaufen soll, falls der Wind den Schnee am Plateau verfrachtet. Die Pisteurs schauen hin, und keiner widerspricht. Am Nachmittag wird er die Pisten noch einmal abfahren, dann um halb fünf die letzte Kontrollfahrt machen, nachdem die letzten Gäste unten sind. «Der schönste Moment ist der, wenn der Berg wieder leer ist», sagt er. «Dann hört man ihn.»

Abends im Lärchenholz
Das Chalet Tannwald liegt am oberen Dorfrand, dort, wo die Häuser aufhören und der Lärchenwald beginnt. Es hat fünf Suiten, gebaut aus dem Holz eines alten Stalls, der hier zweihundert Jahre stand. Die Balken sind fast schwarz, die Böden knarren, und in jeder Suite brennt ein Ofen, den man selbst einheizt. Gastgeberin Martina hat das Haus vor zehn Jahren von ihrer Tante übernommen und behutsam umgebaut. «Ich wollte, dass man hier spürt, wie alt das Holz ist», sagt sie. «Nicht ein Hotel, das so tut, als wäre es ein Chalet.»
Hinter dem Haus, zwischen den Lärchen, steht ein Hot Tub aus Holz, geheizt mit einem Ofen, der zischt, wenn Schnee darauf fällt. Um sechs Uhr abends ist es dunkel, und das Wasser hat achtunddreissig Grad. Von hier aus sieht man das Horn nicht mehr als Berg, sondern als Schatten, der die Sterne verdeckt. Wer sich zurücklehnt, hört das Knacken im Holz, ein fernes Glockenspiel aus dem Dorf und sonst nichts. Martina bringt Tee mit Honig aus dem Tal und lässt ihre Gäste allein.
Am Morgen deckt Martina den Frühstückstisch in der alten Stube, unter einer Decke, die so niedrig ist, dass grosse Gäste den Kopf einziehen. Es gibt Brot aus dem Holzofen der Dorfbäckerei, Ziegenkäse von einem Hof weiter unten im Tal, Aprikosenkonfitüre aus dem Rhonetal und Eier von den eigenen Hühnern, die den Winter in einem Stall hinter dem Hot Tub verbringen. Wer früh auf dem Gletscher sein will, bekommt einen Thermosbecher Kaffee in die Hand gedrückt und ein Birnbrot in den Rucksack. «Hier soll niemand hungrig auf den Berg», sagt sie. Es klingt wie ein Familiengesetz.
Zum Abendessen geht man ins Dorf, zu Fuss, fünf Minuten durch den Schnee. Es gibt Walliser Teller mit Trockenfleisch und Roggenbrot, Fondue mit Weisswein aus dem Rhonetal und Gespräche, die bald beim Wetter von morgen landen. Die Gletscherwelt meldet für die Nacht Schnee, zwanzig Zentimeter, bei leichtem Wind. Reto wird also wieder um sechs am Berg sein. Und wer den ersten Zug nimmt, ist um neun wieder dort, wo der Tag heute angefangen hat.
Ein Tag in der Gletscherwelt
- 7.12Ankunft mit dem ersten Zug im autofreien Dorf.
- 9.00Die Bahnen öffnen. Erste Abfahrt vom Gletscher, 7 km bis zur Mittelstation.
- 12.30Mittag auf der Terrasse der Bergstation, über dem Nebelmeer.
- 16.30Letzte Talfahrt. Der Pistenchef macht seine Kontrollfahrt.
- 18.00Hot Tub im Lärchenwald hinter dem Chalet Tannwald.

Was es braucht
Ins Hochtal kommt man mit dem Zug, im Stundentakt, die letzten zwanzig Minuten durch eine Schlucht, in der im Januar die Wasserfälle gefroren sind. Wer mit dem Auto anreist, parkt im Nachbarort und steigt dort um. Gepäck lässt sich vom Bahnhof direkt ins Hotel bringen, die Elektrotaxis warten bei jeder Ankunft. Wer leicht reist, geht zu Fuss: Kein Hotel im Dorf liegt weiter als eine Viertelstunde vom Bahnhof entfernt. Die Gletscherpisten sind bis Ende April offen, die schönsten Tage aber sind die kalten, klaren im Januar, wenn der Schnee trocken bleibt und das Tal leer ist.
Auf dreitausend Metern ist es fünfzehn Grad kälter als im Dorf, und die Sonne brennt doppelt so stark. Sonnencreme, Brille und eine warme Schicht im Rucksack gehören dazu. Wer abseits der markierten Pisten fahren will, tut das nur mit einem Bergführer. Die Spalten im Gletscher sind im Winter unsichtbar, und sie sind tief.
Das Chalet Tannwald kann man suitenweise buchen oder als Ganzes, für Gruppen bis zwölf Personen. Die Suiten an der Waldseite sind die ruhigsten, die an der Talseite haben den Blick auf das Horn. Mindestaufenthalt sind im Januar drei Nächte. Wer nur einen Tag Zeit hat, nimmt den ersten Zug hinauf und den letzten hinunter — und hat damit noch immer acht Stunden auf über zweitausend Metern.
Gut zu wissen
- Anreise
- Mit dem Zug, im Stundentakt — das Dorf ist autofrei
- Höhe
- 1620 bis 3100 m, Gletscherpisten bis Ende April
- Übernachten
- Chalet Tannwald, fünf Suiten mit Hot Tub im Wald
- Abseits der Piste
- Nur mit Bergführer — Spaltengefahr
Unser Tipp
Die erste Bahn um neun nehmen und den Gletscher zuerst fahren. Bis zehn ist der Schnee oben noch unberührt kalt — danach zieht die Sonne die Gäste nach unten.

Der erste Zug ins Hochtal kommt um 7.12 Uhr an, und er ist an diesem Januarmorgen fast leer. Ein paar Saisonniers mit Rucksäcken, ein Bäcker, der die Nachtschicht hinter sich hat, zwei Frauen mit Tourenski. Vor dem Bahnhof stehen keine Autos, nur Elektrotaxis, so klein wie Golfwagen, und ein Pferdeschlitten, dessen Kutscher in eine Wolldecke gewickelt auf Gäste wartet, die um diese Zeit nicht kommen. Es ist minus vierzehn Grad. Der Schnee knirscht so laut, dass man sich nach den eigenen Schritten umdreht.
Das Hochtal ist seit fünfzig Jahren autofrei, und man merkt es zuerst am Klang. Kein Motor, keine Schneeketten, kein Rückwärtsgang, der piepst. Nur das Scharren der Schaufeln vor den Hotels und, von weit oben, das dumpfe Brummen der Pistenfahrzeuge, die seit Mitternacht am Gletscher arbeiten. Über dem Dorf steht das Horn, dieser eine Berg, den jedes Kind in der Schweiz zeichnen kann. Um halb acht liegt sein Gipfel schon im Licht, während unten im Dorf noch die Laternen brennen.
Wir sind mit Reto verabredet, dem Pistenchef der Gletscherwelt. Er wartet an der Talstation, die Hände in den Taschen einer Jacke, die schon einiges gesehen hat, und schaut nicht auf uns, sondern auf den Himmel. «Kein Wind», sagt er zur Begrüssung. «Das ist auf dreitausend Metern das grösste Geschenk.» Dann steigen wir in die erste Kabine, die für das Personal fährt, eine halbe Stunde vor den Gästen.
Die Fahrt dauert zwanzig Minuten und führt in drei Sektionen durch drei Welten. Zuerst über den Lärchenwald, in dem der Raureif an jedem Ast hängt, dann über die Alpweiden, auf denen im Sommer die Schwarznasenschafe grasen und die jetzt unter zwei Metern Schnee liegen, schliesslich über eine Felswand, an der die Kabine so nah vorbeischwebt, dass man die Eiszapfen zählen könnte. Reto schaut während der ganzen Fahrt aus dem Fenster und funkt mit den Pisteurs, die schon oben sind. Kurze Sätze, Zahlen, Namen von Hängen. Dass in dieser Kabine noch jemand sitzt, scheint er vergessen zu haben. Erst an der Bergstation dreht er sich um. «Jetzt zeig ich euch, wo wir arbeiten.»
- Höchste Piste, auf dem Gletscher
- 3100 mHöchste Piste, auf dem Gletscher
- Am Bahnhof, morgens um sieben
- −14 °CAm Bahnhof, morgens um sieben
- Pisten, schneesicher bis April
- 92 kmPisten, schneesicher bis April

Ein Berg aus altem Eis
Die Gletscherwelt ist ein Skigebiet, das sich jedes Jahr ein wenig verschiebt. Das Eis unter der Piste fliesst, langsam, aber unaufhörlich, etwa dreissig Meter pro Jahr talwärts. Wo im letzten Winter die Abfahrt eine sanfte Kurve machte, öffnet sich in diesem Herbst vielleicht eine Spalte. Deshalb beginnt die Saison für Reto nicht im November, sondern im August, wenn der Gletscher schneefrei ist und man sieht, was er im Sommer getan hat. Dann geht er mit einem Glaziologen das ganze Gebiet ab, misst, markiert und zeichnet die Linien neu.
Im Winter liegt über allem eine dicke Schneedecke, und die Spalten sind unsichtbar. Das macht die Arbeit nicht leichter, sondern genauer. Jeden Morgen fährt Reto die präparierten Pisten ab, bevor die Gäste kommen, prüft die Markierungen und schaut, ob sich über Nacht etwas verändert hat. Eine Mulde im Schnee, die gestern nicht da war, kann eine Brücke sein, die nachgibt. Dann wird gesperrt, sofort, und die Piste bekommt eine neue Linie. «Der Gletscher sagt dir nicht, was er vorhat», sagt Reto. «Aber er gibt dir Zeichen. Man muss sie nur jeden Tag lesen.»
Was der Sommer wegnimmt, versucht die Gletscherwelt im Winter zu schützen. An den empfindlichsten Stellen, dort, wo die Piste vom Eis auf den Fels wechselt, liegen im Juni riesige weisse Vliesbahnen über dem Schnee, Hunderte Meter lang, festgenäht wie eine Decke über einem schlafenden Tier. Sie werfen das Sonnenlicht zurück und halten den Schnee darunter kühl. Im Herbst werden sie wieder eingerollt, und was darunter überlebt hat, wird die Grundlage für die erste Piste im November. Es ist mühsame Arbeit, und Reto macht sich keine Illusionen darüber, was sie bewirkt. «Wir retten den Gletscher nicht», sagt er. «Aber wir gewinnen ein paar Winter.»
Er ist im Hochtal aufgewachsen, sein Vater war Bergführer, sein Grossvater auch. Als Kind ist er im Sommer über diesen Gletscher gestiegen, an einem Seil, das ihm bis zur Brust reichte. Heute sind es dieselben Hänge, aber nicht mehr derselbe Gletscher. Er ist schmaler geworden, in manchen Sommern verliert er einen Meter Dicke. Wo früher die Zunge bis an den Felsriegel reichte, liegt heute Geröll. Reto sagt das ohne Pathos, wie jemand, der täglich mit einer Tatsache arbeitet, die er nicht ändern kann, aber genau beobachtet.


Die Piste über der Spalte
Um neun öffnen die Bahnen für alle. Die ersten Gäste stehen da schon an der Bergstation, viele von ihnen mit dem Zug aus Bern oder Zürich gekommen, die Skischuhe im Rucksack. Die Abfahrt vom Gletscher ist lang und breit, ein weisser Strom, der zwischen Felsinseln hindurch nach unten fliesst. Man fährt hier nicht schnell, weil man nicht will. Alle paar Schwünge bleibt jemand stehen und dreht sich um, weil hinter ihm das Horn steht, so nah, dass man meint, die Kletterrouten an der Nordwand zu erkennen.
Links der Piste stehen in regelmässigen Abständen orange Stangen. Sie sind keine Dekoration. Dahinter beginnt der Teil des Gletschers, den niemand präpariert und niemand kontrolliert, und in dem die Spalten unter dem Schnee warten. Reto zeigt auf eine sanfte Senke, kaum zu sehen, fünfzig Meter neben der Piste. «Da drunter ist sie dreissig Meter tief», sagt er. Er sagt es ruhig, aber er sagt es so, dass man es nicht vergisst. Im letzten Winter musste die Rettung zweimal ausrücken, beide Male zu Fahrern, die eine Abkürzung gesucht hatten.
Für Freerider gibt es im Hochtal Bergführer, die genau dort hingehen, wo die Stangen enden, mit Seil, Gurt und dem Wissen, wo das Eis trägt. Die Touren sind ausgebucht, oft schon im Herbst. Für alle anderen gilt die einfachste Regel der Berge: Die Piste ist der Ort, an dem jemand anderes schon nachgedacht hat. Reto hat an diesem Morgen um sechs damit angefangen.
Der Gletscher sagt dir nicht, was er vorhat. Aber er gibt dir jeden Morgen Zeichen. Man muss sie nur lesen.
Die Abfahrt bis zur Mittelstation misst sieben Kilometer und verliert unterwegs fast tausend Höhenmeter. Oben ist der Schnee trocken und griffig, kalt genug, dass er unter den Kanten singt. Weiter unten, wo die Sonne seit dem Morgen auf den Hang scheint, wird er weicher, und die Schwünge werden länger. Wer konditionsstark ist, fährt sie ohne Halt. Die meisten halten zweimal: einmal für das Foto und einmal, weil die Oberschenkel es verlangen.
Wer nachts im Dorf aufwacht, sieht die Lichter der Pistenfahrzeuge hoch oben am Berg, wie Glühwürmchen an einem dunklen Hang. Sieben Maschinen arbeiten jede Nacht, auf dem Gletscher mit Seilwinden, die an Ankern im Eis befestigt sind, weil die Hänge zu steil sind, um sie ohne Sicherung zu befahren. Einer der Fahrer ist Dario, seit neun Wintern dabei. Er sagt, das Schönste an seiner Arbeit sei der Moment gegen fünf Uhr, wenn er die letzte Bahn gezogen hat und das erste Licht hinter dem Horn aufgeht. Dann stellt er den Motor ab, trinkt einen Kaffee aus der Thermosflasche und schaut auf die Piste, die noch niemand gefahren ist.

Mittag auf dreitausend Metern
Das Restaurant an der Bergstation ist das höchste im Gebiet, und man isst hier im Januar draussen, wenn kein Wind geht. Die Liegestühle stehen in einer Reihe auf der Terrasse, alle zur Sonne gedreht. Es gibt Gerstensuppe, Raclette vom Holzfeuer und einen Apfelkuchen, für den manche Stammgäste extra hochfahren. Die Luft ist dünn, man merkt es beim Treppensteigen und daran, dass der Kaffee hier oben schneller kalt wird. Unten im Tal liegt eine Nebeldecke, flach wie ein See, aus der nur die höchsten Gipfel ragen.
Am Nebentisch sitzt eine Familie aus Basel, Vater, Mutter, zwei Kinder, die Skischuhe aufgeknöpft. Sie sind um sechs Uhr in den Zug gestiegen, mit Ski und Rucksäcken, und haben in Visp umgestiegen, während die Kinder auf den Sitzen schliefen. Ein Auto haben sie nicht, und sie vermissen es hier nicht. Das Gepäck ist am Vorabend vorausgefahren und steht schon in ihrem Zimmer. Die Tochter, neun Jahre alt, hat heute zum ersten Mal den Gletscher bis zur Mittelstation geschafft, ohne Pause. Sie erzählt es jedem, der in Hörweite sitzt, auch uns. Ihr Vater lächelt und bestellt noch einen Apfelkuchen.
Reto isst nicht auf der Terrasse, sondern im Stübli hinter der Küche, mit den Pisteurs, die um sechs angefangen haben wie er. Es wird wenig geredet, viel gefunkt. Einer meldet, dass der Wind am Grat dreht, ein anderer, dass der Schlepplift am Gletscherplateau wieder läuft. Reto hört zu, nickt und isst seine Suppe. Zwischendurch zeichnet er mit dem Löffel eine Linie auf die Tischplatte, wie die Piste morgen verlaufen soll, falls der Wind den Schnee am Plateau verfrachtet. Die Pisteurs schauen hin, und keiner widerspricht. Am Nachmittag wird er die Pisten noch einmal abfahren, dann um halb fünf die letzte Kontrollfahrt machen, nachdem die letzten Gäste unten sind. «Der schönste Moment ist der, wenn der Berg wieder leer ist», sagt er. «Dann hört man ihn.»

Abends im Lärchenholz
Das Chalet Tannwald liegt am oberen Dorfrand, dort, wo die Häuser aufhören und der Lärchenwald beginnt. Es hat fünf Suiten, gebaut aus dem Holz eines alten Stalls, der hier zweihundert Jahre stand. Die Balken sind fast schwarz, die Böden knarren, und in jeder Suite brennt ein Ofen, den man selbst einheizt. Gastgeberin Martina hat das Haus vor zehn Jahren von ihrer Tante übernommen und behutsam umgebaut. «Ich wollte, dass man hier spürt, wie alt das Holz ist», sagt sie. «Nicht ein Hotel, das so tut, als wäre es ein Chalet.»
Hinter dem Haus, zwischen den Lärchen, steht ein Hot Tub aus Holz, geheizt mit einem Ofen, der zischt, wenn Schnee darauf fällt. Um sechs Uhr abends ist es dunkel, und das Wasser hat achtunddreissig Grad. Von hier aus sieht man das Horn nicht mehr als Berg, sondern als Schatten, der die Sterne verdeckt. Wer sich zurücklehnt, hört das Knacken im Holz, ein fernes Glockenspiel aus dem Dorf und sonst nichts. Martina bringt Tee mit Honig aus dem Tal und lässt ihre Gäste allein.
Am Morgen deckt Martina den Frühstückstisch in der alten Stube, unter einer Decke, die so niedrig ist, dass grosse Gäste den Kopf einziehen. Es gibt Brot aus dem Holzofen der Dorfbäckerei, Ziegenkäse von einem Hof weiter unten im Tal, Aprikosenkonfitüre aus dem Rhonetal und Eier von den eigenen Hühnern, die den Winter in einem Stall hinter dem Hot Tub verbringen. Wer früh auf dem Gletscher sein will, bekommt einen Thermosbecher Kaffee in die Hand gedrückt und ein Birnbrot in den Rucksack. «Hier soll niemand hungrig auf den Berg», sagt sie. Es klingt wie ein Familiengesetz.
Zum Abendessen geht man ins Dorf, zu Fuss, fünf Minuten durch den Schnee. Es gibt Walliser Teller mit Trockenfleisch und Roggenbrot, Fondue mit Weisswein aus dem Rhonetal und Gespräche, die bald beim Wetter von morgen landen. Die Gletscherwelt meldet für die Nacht Schnee, zwanzig Zentimeter, bei leichtem Wind. Reto wird also wieder um sechs am Berg sein. Und wer den ersten Zug nimmt, ist um neun wieder dort, wo der Tag heute angefangen hat.
Ein Tag in der Gletscherwelt
- 7.12Ankunft mit dem ersten Zug im autofreien Dorf.
- 9.00Die Bahnen öffnen. Erste Abfahrt vom Gletscher, 7 km bis zur Mittelstation.
- 12.30Mittag auf der Terrasse der Bergstation, über dem Nebelmeer.
- 16.30Letzte Talfahrt. Der Pistenchef macht seine Kontrollfahrt.
- 18.00Hot Tub im Lärchenwald hinter dem Chalet Tannwald.
Was es braucht
Ins Hochtal kommt man mit dem Zug, im Stundentakt, die letzten zwanzig Minuten durch eine Schlucht, in der im Januar die Wasserfälle gefroren sind. Wer mit dem Auto anreist, parkt im Nachbarort und steigt dort um. Gepäck lässt sich vom Bahnhof direkt ins Hotel bringen, die Elektrotaxis warten bei jeder Ankunft. Wer leicht reist, geht zu Fuss: Kein Hotel im Dorf liegt weiter als eine Viertelstunde vom Bahnhof entfernt. Die Gletscherpisten sind bis Ende April offen, die schönsten Tage aber sind die kalten, klaren im Januar, wenn der Schnee trocken bleibt und das Tal leer ist.
Auf dreitausend Metern ist es fünfzehn Grad kälter als im Dorf, und die Sonne brennt doppelt so stark. Sonnencreme, Brille und eine warme Schicht im Rucksack gehören dazu. Wer abseits der markierten Pisten fahren will, tut das nur mit einem Bergführer. Die Spalten im Gletscher sind im Winter unsichtbar, und sie sind tief.
Das Chalet Tannwald kann man suitenweise buchen oder als Ganzes, für Gruppen bis zwölf Personen. Die Suiten an der Waldseite sind die ruhigsten, die an der Talseite haben den Blick auf das Horn. Mindestaufenthalt sind im Januar drei Nächte. Wer nur einen Tag Zeit hat, nimmt den ersten Zug hinauf und den letzten hinunter — und hat damit noch immer acht Stunden auf über zweitausend Metern.
Gut zu wissen
- Anreise
- Mit dem Zug, im Stundentakt — das Dorf ist autofrei
- Höhe
- 1620 bis 3100 m, Gletscherpisten bis Ende April
- Übernachten
- Chalet Tannwald, fünf Suiten mit Hot Tub im Wald
- Abseits der Piste
- Nur mit Bergführer — Spaltengefahr
Unser Tipp
Die erste Bahn um neun nehmen und den Gletscher zuerst fahren. Bis zehn ist der Schnee oben noch unberührt kalt — danach zieht die Sonne die Gäste nach unten.





