
Musterbeitrag
ReportageLärchental · Engadin · 30. Dezember 2026
Die Stille hat einen Takt
In Zusammenarbeit mit Lärchental Nordic
180 Kilometer Loipe, jede Nacht frisch gespurt: ein Tag im Lärchental, mit dem Mann auf der Spurmaschine und einer Lehrerin, die sagt, dass Langlauf vor allem eines ist — Rhythmus.
Text Redaktion First TracksFotos Unsplash9 Min. LesezeitIm Heft · 4 Seiten →
Um zwei Uhr nachts ist das Lärchental vollkommen dunkel, bis auf zwei Scheinwerfer, die sich langsam über den gefrorenen See bewegen. Gian sitzt seit Mitternacht in der Kabine der Spurmaschine, und er wird erst um sechs fertig sein. Hinter ihm entsteht, was am Morgen Hunderte Langläuferinnen und Langläufer unter den Ski haben werden: zwei parallele Rillen für die Klassiker, daneben eine breite, glatte Bahn für die Skater. Achtzig Kilometer in dieser Nacht. Die anderen hundert macht sein Kollege.
Die Spurmaschine ist ein kleines Pistenfahrzeug mit einem Spurgerät am Heck, das die Rillen in den Schnee drückt. Gian fährt sie mit drei Stundenkilometern, nicht schneller, weil die Spur sonst unsauber wird. Im Funk läuft ein Radiosender aus dem Tal, leise, und in der Thermosflasche ist Tee mit einem Schuss Röteli, wie es sein Vater schon gemacht hat. Gegen vier kommt manchmal ein Fuchs aus dem Wald, setzt sich an den Rand der frischen Spur und schaut der Maschine nach. «Der wartet, bis ich weg bin», sagt Gian. «Dann läuft er als Erster drüber.»
Gian ist Loipenwart, seit zweiundzwanzig Wintern. Er kennt jeden Meter der Strecke, jede Senke, in der der Schnee nach einem Föhntag weich wird, und jede Kurve am Waldrand, in der die Spur nach Neuschnee zuerst verweht. «Eine Loipe ist wie ein Satz», sagt er. «Wenn sie gut ist, merkt man sie nicht. Man läuft einfach.» Er sagt es mit einem Lächeln, das verrät, wie viel Arbeit in diesem Nicht-Merken steckt.
Wenn um sieben die Sonne über die Berge im Osten steigt, liegt das Tal unter einer Decke aus Raureif. Jede Lärche, jeder Zaunpfahl, jeder Halm am Ufer ist weiss überzogen und glitzert, sobald das Licht ihn trifft. Auf dem See ist es minus achtzehn Grad. Die Spur glänzt wie frisch lackiert.

Gleiten lernen
Mirjam unterrichtet Langlauf seit fünfzehn Jahren, und ihre erste Lektion beginnt jedes Mal ohne Stöcke. Sechs Erwachsene stehen am Rand der Übungswiese, die meisten zum ersten Mal auf schmalen Ski, und sollen einfach gehen. Nicht laufen, nicht stossen, nur gehen, Schritt für Schritt, mit dem Gewicht auf dem vorderen Ski. Nach zehn Minuten wird aus dem Gehen ein Schieben, nach zwanzig ein erstes, kurzes Gleiten. «Der Ski will nach vorn», sagt Mirjam. «Man muss ihn nur lassen.»
Langlauf, sagt sie, sei vor allem eine Frage des Rhythmus. Wer kämpft, wird müde. Wer den Takt findet, läuft stundenlang. Sie zählt ihn vor, halblaut: Abstoss, Gleiten, Abstoss, Gleiten. Die Arme folgen den Beinen, der Atem folgt den Armen. Nach einer Stunde laufen alle sechs in einer Reihe hinter ihr her, noch etwas steif, aber im selben Takt. Es sieht aus wie eine kleine Prozession durch den Schnee. Am Ende der Stunde lässt Mirjam die Gruppe allein eine Runde über die Wiese laufen und schaut nur zu. Sie korrigiert nichts mehr. Wer den Takt einmal gefunden hat, sagt sie, verliert ihn nicht mehr, auch nicht nach einem Jahr Pause.
Unter den sechs ist ein Ehepaar aus Luzern, beide über siebzig, die nach einer Knieoperation das alpine Skifahren aufgegeben haben. Sie hatten Angst, dass der Winter damit für sie vorbei sei. Nach dem zweiten Tag im Lärchental sagt die Frau, sie habe seit Jahren nicht mehr so viel Schnee gesehen, und sie meint damit nicht die Menge, sondern die Art, ihn anzuschauen. Langlauf ist langsamer, man ist länger draussen, und man ist immer mitten in der Landschaft statt über ihr. Mirjam hört solche Sätze oft. Sie sagt, viele ihrer treusten Schüler hätten mit siebzig angefangen.


Über den gefrorenen See
Die schönste Strecke im Lärchental führt über den grossen See, zwölf Kilometer hin und zurück, auf einem Eis, das im Januar fast einen halben Meter dick ist. Ob es trägt, entscheidet nicht Gian, sondern die Gemeinde, die das Eis jeden Morgen misst. Erst wenn es fünfundzwanzig Zentimeter hat, wird die Loipe freigegeben. In diesem Winter war es am zweiten Weihnachtstag so weit, eine Woche früher als im Vorjahr.
Auf dem See ist es still auf eine Weise, die man nicht beschreiben kann, ohne sie zu übertreiben. Kein Wind, keine Stimmen, nur das Schleifen der Ski und manchmal ein tiefes Knacken im Eis, das durch den ganzen Körper geht. Es ist das Eis, das sich in der Kälte zusammenzieht, harmlos, aber jedes Mal ein kleiner Schreck. Wer stehen bleibt, hört manchmal die Glocken der Kirche im Dorf, eine halbe Stunde entfernt, so klar, als stünde sie am Ufer. Am Ufer stehen die Lärchen, im Sommer grün, im Herbst golden, jetzt kahl und schwarz vor dem Weiss.
In der Mitte des Sees steht eine Hütte aus Holz, die nur im Winter aufgebaut wird. Sie gehört einem Bauern aus dem Dorf, der hier heissen Tee, Gerstensuppe und Engadiner Nusstorte verkauft, aus einem Fenster, das gerade gross genug ist für zwei Hände. Die Läufer stehen davor in einer losen Schlange, die Ski noch an den Füssen, und essen im Stehen. Wer sich setzen will, setzt sich auf eine Bank aus Schnee, mit einem Schaffell darauf. Der Bauer sagt, er stehe seit dreissig Wintern hier, und der See habe ihn noch nie im Stich gelassen.
Wenn das Licht geht
Gegen drei Uhr verschwindet die Sonne hinter dem Westgrat, und mit ihr die Wärme. Die meisten Läufer sind dann schon auf dem Rückweg, durch den Lärchenwald, wo die Loipe leicht abfällt und man mit wenig Kraft lange gleiten kann. Wer die ganze Runde gelaufen ist, dreissig Kilometer, spürt jetzt jeden Muskel, von den Waden bis zu den Schultern. Langlauf ist der Sport, der den ganzen Körper braucht, und er fühlt sich am Abend genau so an.
Im Dorf wartet das Postauto, das mit dem Loipenpass gratis ist und die Läufer zurück zu ihren Hotels bringt. Die Ski kommen ins Gestell hinten im Bus, die Mützen bleiben auf. Im Restaurant am Dorfplatz gibt es Engadiner Nusstorte und heisse Schokolade, und an den Tischen werden Kilometer verglichen. Mirjams Gruppe sitzt in der Ecke. Alle sechs sagen, morgen gehen sie wieder.
Gian schläft um diese Zeit. Um elf Uhr nachts klingelt sein Wecker, und um Mitternacht fährt er wieder hinaus, auf den See, in die Dunkelheit, mit zwei Scheinwerfern und dem Wissen, dass niemand seine Arbeit bemerken wird, wenn er sie gut macht.
Was es braucht
Für den ersten Tag braucht man nichts ausser warmer Kleidung in Schichten: Langlaufski, Schuhe und Stöcke gibt es im Verleih am Loipenzentrum, ab acht Uhr morgens. Wer noch nie auf schmalen Ski stand, beginnt mit dem klassischen Stil und einer Lektion. Skating ist schneller, verlangt aber Technik und Kondition. Die Seeloipe ist nur offen, wenn das Eis trägt — der Loipenbericht meldet es jeden Morgen um sieben.
Um zwei Uhr nachts ist das Lärchental vollkommen dunkel, bis auf zwei Scheinwerfer, die sich langsam über den gefrorenen See bewegen. Gian sitzt seit Mitternacht in der Kabine der Spurmaschine, und er wird erst um sechs fertig sein. Hinter ihm entsteht, was am Morgen Hunderte Langläuferinnen und Langläufer unter den Ski haben werden: zwei parallele Rillen für die Klassiker, daneben eine breite, glatte Bahn für die Skater. Achtzig Kilometer in dieser Nacht. Die anderen hundert macht sein Kollege.
Die Spurmaschine ist ein kleines Pistenfahrzeug mit einem Spurgerät am Heck, das die Rillen in den Schnee drückt. Gian fährt sie mit drei Stundenkilometern, nicht schneller, weil die Spur sonst unsauber wird. Im Funk läuft ein Radiosender aus dem Tal, leise, und in der Thermosflasche ist Tee mit einem Schuss Röteli, wie es sein Vater schon gemacht hat. Gegen vier kommt manchmal ein Fuchs aus dem Wald, setzt sich an den Rand der frischen Spur und schaut der Maschine nach. «Der wartet, bis ich weg bin», sagt Gian. «Dann läuft er als Erster drüber.»
Gian ist Loipenwart, seit zweiundzwanzig Wintern. Er kennt jeden Meter der Strecke, jede Senke, in der der Schnee nach einem Föhntag weich wird, und jede Kurve am Waldrand, in der die Spur nach Neuschnee zuerst verweht. «Eine Loipe ist wie ein Satz», sagt er. «Wenn sie gut ist, merkt man sie nicht. Man läuft einfach.» Er sagt es mit einem Lächeln, das verrät, wie viel Arbeit in diesem Nicht-Merken steckt.
Wenn um sieben die Sonne über die Berge im Osten steigt, liegt das Tal unter einer Decke aus Raureif. Jede Lärche, jeder Zaunpfahl, jeder Halm am Ufer ist weiss überzogen und glitzert, sobald das Licht ihn trifft. Auf dem See ist es minus achtzehn Grad. Die Spur glänzt wie frisch lackiert.
- Loipe, jede Nacht frisch gespurt
- 180 kmLoipe, jede Nacht frisch gespurt
- Höhe des Talbodens
- 1800 mHöhe des Talbodens
- Auf dem See, morgens um sieben
- −18 °CAuf dem See, morgens um sieben
Gleiten lernen
Mirjam unterrichtet Langlauf seit fünfzehn Jahren, und ihre erste Lektion beginnt jedes Mal ohne Stöcke. Sechs Erwachsene stehen am Rand der Übungswiese, die meisten zum ersten Mal auf schmalen Ski, und sollen einfach gehen. Nicht laufen, nicht stossen, nur gehen, Schritt für Schritt, mit dem Gewicht auf dem vorderen Ski. Nach zehn Minuten wird aus dem Gehen ein Schieben, nach zwanzig ein erstes, kurzes Gleiten. «Der Ski will nach vorn», sagt Mirjam. «Man muss ihn nur lassen.»
Langlauf, sagt sie, sei vor allem eine Frage des Rhythmus. Wer kämpft, wird müde. Wer den Takt findet, läuft stundenlang. Sie zählt ihn vor, halblaut: Abstoss, Gleiten, Abstoss, Gleiten. Die Arme folgen den Beinen, der Atem folgt den Armen. Nach einer Stunde laufen alle sechs in einer Reihe hinter ihr her, noch etwas steif, aber im selben Takt. Es sieht aus wie eine kleine Prozession durch den Schnee. Am Ende der Stunde lässt Mirjam die Gruppe allein eine Runde über die Wiese laufen und schaut nur zu. Sie korrigiert nichts mehr. Wer den Takt einmal gefunden hat, sagt sie, verliert ihn nicht mehr, auch nicht nach einem Jahr Pause.
Unter den sechs ist ein Ehepaar aus Luzern, beide über siebzig, die nach einer Knieoperation das alpine Skifahren aufgegeben haben. Sie hatten Angst, dass der Winter damit für sie vorbei sei. Nach dem zweiten Tag im Lärchental sagt die Frau, sie habe seit Jahren nicht mehr so viel Schnee gesehen, und sie meint damit nicht die Menge, sondern die Art, ihn anzuschauen. Langlauf ist langsamer, man ist länger draussen, und man ist immer mitten in der Landschaft statt über ihr. Mirjam hört solche Sätze oft. Sie sagt, viele ihrer treusten Schüler hätten mit siebzig angefangen.

Über den gefrorenen See
Die schönste Strecke im Lärchental führt über den grossen See, zwölf Kilometer hin und zurück, auf einem Eis, das im Januar fast einen halben Meter dick ist. Ob es trägt, entscheidet nicht Gian, sondern die Gemeinde, die das Eis jeden Morgen misst. Erst wenn es fünfundzwanzig Zentimeter hat, wird die Loipe freigegeben. In diesem Winter war es am zweiten Weihnachtstag so weit, eine Woche früher als im Vorjahr.
Auf dem See ist es still auf eine Weise, die man nicht beschreiben kann, ohne sie zu übertreiben. Kein Wind, keine Stimmen, nur das Schleifen der Ski und manchmal ein tiefes Knacken im Eis, das durch den ganzen Körper geht. Es ist das Eis, das sich in der Kälte zusammenzieht, harmlos, aber jedes Mal ein kleiner Schreck. Wer stehen bleibt, hört manchmal die Glocken der Kirche im Dorf, eine halbe Stunde entfernt, so klar, als stünde sie am Ufer. Am Ufer stehen die Lärchen, im Sommer grün, im Herbst golden, jetzt kahl und schwarz vor dem Weiss.
In der Mitte des Sees steht eine Hütte aus Holz, die nur im Winter aufgebaut wird. Sie gehört einem Bauern aus dem Dorf, der hier heissen Tee, Gerstensuppe und Engadiner Nusstorte verkauft, aus einem Fenster, das gerade gross genug ist für zwei Hände. Die Läufer stehen davor in einer losen Schlange, die Ski noch an den Füssen, und essen im Stehen. Wer sich setzen will, setzt sich auf eine Bank aus Schnee, mit einem Schaffell darauf. Der Bauer sagt, er stehe seit dreissig Wintern hier, und der See habe ihn noch nie im Stich gelassen.
«Eine gute Loipe ist wie ein guter Satz. Man merkt sie nicht. Man läuft einfach.»


Wenn das Licht geht
Gegen drei Uhr verschwindet die Sonne hinter dem Westgrat, und mit ihr die Wärme. Die meisten Läufer sind dann schon auf dem Rückweg, durch den Lärchenwald, wo die Loipe leicht abfällt und man mit wenig Kraft lange gleiten kann. Wer die ganze Runde gelaufen ist, dreissig Kilometer, spürt jetzt jeden Muskel, von den Waden bis zu den Schultern. Langlauf ist der Sport, der den ganzen Körper braucht, und er fühlt sich am Abend genau so an.
Im Dorf wartet das Postauto, das mit dem Loipenpass gratis ist und die Läufer zurück zu ihren Hotels bringt. Die Ski kommen ins Gestell hinten im Bus, die Mützen bleiben auf. Im Restaurant am Dorfplatz gibt es Engadiner Nusstorte und heisse Schokolade, und an den Tischen werden Kilometer verglichen. Mirjams Gruppe sitzt in der Ecke. Alle sechs sagen, morgen gehen sie wieder.
Gian schläft um diese Zeit. Um elf Uhr nachts klingelt sein Wecker, und um Mitternacht fährt er wieder hinaus, auf den See, in die Dunkelheit, mit zwei Scheinwerfern und dem Wissen, dass niemand seine Arbeit bemerken wird, wenn er sie gut macht.
Ein Tag im Lärchental
- 0.00Die Spurmaschinen fahren hinaus — 180 km bis zum Morgen.
- 9.00Erste Lektion bei der Langlaufschule, ohne Stöcke.
- 11.00Seeloipe: zwölf Kilometer über das Eis.
- 13.00Mittag in der Loipenhütte am Waldrand.
- 15.30Mit dem Postauto zurück ins Dorf, Nusstorte inklusive.

Was es braucht
Für den ersten Tag braucht man nichts ausser warmer Kleidung in Schichten: Langlaufski, Schuhe und Stöcke gibt es im Verleih am Loipenzentrum, ab acht Uhr morgens. Wer noch nie auf schmalen Ski stand, beginnt mit dem klassischen Stil und einer Lektion. Skating ist schneller, verlangt aber Technik und Kondition. Die Seeloipe ist nur offen, wenn das Eis trägt — der Loipenbericht meldet es jeden Morgen um sieben.
Gut zu wissen
- Loipen
- 180 km, klassisch und Skating, jede Nacht gespurt
- Saison
- 1. Dezember bis 31. März
- Seeloipe
- Offen ab 25 cm Eis — Meldung um 7 Uhr
- Für Einsteiger
- Verleih und Lektionen am Loipenzentrum

Um zwei Uhr nachts ist das Lärchental vollkommen dunkel, bis auf zwei Scheinwerfer, die sich langsam über den gefrorenen See bewegen. Gian sitzt seit Mitternacht in der Kabine der Spurmaschine, und er wird erst um sechs fertig sein. Hinter ihm entsteht, was am Morgen Hunderte Langläuferinnen und Langläufer unter den Ski haben werden: zwei parallele Rillen für die Klassiker, daneben eine breite, glatte Bahn für die Skater. Achtzig Kilometer in dieser Nacht. Die anderen hundert macht sein Kollege.
Die Spurmaschine ist ein kleines Pistenfahrzeug mit einem Spurgerät am Heck, das die Rillen in den Schnee drückt. Gian fährt sie mit drei Stundenkilometern, nicht schneller, weil die Spur sonst unsauber wird. Im Funk läuft ein Radiosender aus dem Tal, leise, und in der Thermosflasche ist Tee mit einem Schuss Röteli, wie es sein Vater schon gemacht hat. Gegen vier kommt manchmal ein Fuchs aus dem Wald, setzt sich an den Rand der frischen Spur und schaut der Maschine nach. «Der wartet, bis ich weg bin», sagt Gian. «Dann läuft er als Erster drüber.»
Gian ist Loipenwart, seit zweiundzwanzig Wintern. Er kennt jeden Meter der Strecke, jede Senke, in der der Schnee nach einem Föhntag weich wird, und jede Kurve am Waldrand, in der die Spur nach Neuschnee zuerst verweht. «Eine Loipe ist wie ein Satz», sagt er. «Wenn sie gut ist, merkt man sie nicht. Man läuft einfach.» Er sagt es mit einem Lächeln, das verrät, wie viel Arbeit in diesem Nicht-Merken steckt.
Wenn um sieben die Sonne über die Berge im Osten steigt, liegt das Tal unter einer Decke aus Raureif. Jede Lärche, jeder Zaunpfahl, jeder Halm am Ufer ist weiss überzogen und glitzert, sobald das Licht ihn trifft. Auf dem See ist es minus achtzehn Grad. Die Spur glänzt wie frisch lackiert.
- Loipe, jede Nacht frisch gespurt
- 180 kmLoipe, jede Nacht frisch gespurt
- Höhe des Talbodens
- 1800 mHöhe des Talbodens
- Auf dem See, morgens um sieben
- −18 °CAuf dem See, morgens um sieben

Gleiten lernen
Mirjam unterrichtet Langlauf seit fünfzehn Jahren, und ihre erste Lektion beginnt jedes Mal ohne Stöcke. Sechs Erwachsene stehen am Rand der Übungswiese, die meisten zum ersten Mal auf schmalen Ski, und sollen einfach gehen. Nicht laufen, nicht stossen, nur gehen, Schritt für Schritt, mit dem Gewicht auf dem vorderen Ski. Nach zehn Minuten wird aus dem Gehen ein Schieben, nach zwanzig ein erstes, kurzes Gleiten. «Der Ski will nach vorn», sagt Mirjam. «Man muss ihn nur lassen.»
Langlauf, sagt sie, sei vor allem eine Frage des Rhythmus. Wer kämpft, wird müde. Wer den Takt findet, läuft stundenlang. Sie zählt ihn vor, halblaut: Abstoss, Gleiten, Abstoss, Gleiten. Die Arme folgen den Beinen, der Atem folgt den Armen. Nach einer Stunde laufen alle sechs in einer Reihe hinter ihr her, noch etwas steif, aber im selben Takt. Es sieht aus wie eine kleine Prozession durch den Schnee. Am Ende der Stunde lässt Mirjam die Gruppe allein eine Runde über die Wiese laufen und schaut nur zu. Sie korrigiert nichts mehr. Wer den Takt einmal gefunden hat, sagt sie, verliert ihn nicht mehr, auch nicht nach einem Jahr Pause.
Unter den sechs ist ein Ehepaar aus Luzern, beide über siebzig, die nach einer Knieoperation das alpine Skifahren aufgegeben haben. Sie hatten Angst, dass der Winter damit für sie vorbei sei. Nach dem zweiten Tag im Lärchental sagt die Frau, sie habe seit Jahren nicht mehr so viel Schnee gesehen, und sie meint damit nicht die Menge, sondern die Art, ihn anzuschauen. Langlauf ist langsamer, man ist länger draussen, und man ist immer mitten in der Landschaft statt über ihr. Mirjam hört solche Sätze oft. Sie sagt, viele ihrer treusten Schüler hätten mit siebzig angefangen.


Über den gefrorenen See
Die schönste Strecke im Lärchental führt über den grossen See, zwölf Kilometer hin und zurück, auf einem Eis, das im Januar fast einen halben Meter dick ist. Ob es trägt, entscheidet nicht Gian, sondern die Gemeinde, die das Eis jeden Morgen misst. Erst wenn es fünfundzwanzig Zentimeter hat, wird die Loipe freigegeben. In diesem Winter war es am zweiten Weihnachtstag so weit, eine Woche früher als im Vorjahr.
Auf dem See ist es still auf eine Weise, die man nicht beschreiben kann, ohne sie zu übertreiben. Kein Wind, keine Stimmen, nur das Schleifen der Ski und manchmal ein tiefes Knacken im Eis, das durch den ganzen Körper geht. Es ist das Eis, das sich in der Kälte zusammenzieht, harmlos, aber jedes Mal ein kleiner Schreck. Wer stehen bleibt, hört manchmal die Glocken der Kirche im Dorf, eine halbe Stunde entfernt, so klar, als stünde sie am Ufer. Am Ufer stehen die Lärchen, im Sommer grün, im Herbst golden, jetzt kahl und schwarz vor dem Weiss.
In der Mitte des Sees steht eine Hütte aus Holz, die nur im Winter aufgebaut wird. Sie gehört einem Bauern aus dem Dorf, der hier heissen Tee, Gerstensuppe und Engadiner Nusstorte verkauft, aus einem Fenster, das gerade gross genug ist für zwei Hände. Die Läufer stehen davor in einer losen Schlange, die Ski noch an den Füssen, und essen im Stehen. Wer sich setzen will, setzt sich auf eine Bank aus Schnee, mit einem Schaffell darauf. Der Bauer sagt, er stehe seit dreissig Wintern hier, und der See habe ihn noch nie im Stich gelassen.
Eine gute Loipe ist wie ein guter Satz. Man merkt sie nicht. Man läuft einfach.

Wenn das Licht geht
Gegen drei Uhr verschwindet die Sonne hinter dem Westgrat, und mit ihr die Wärme. Die meisten Läufer sind dann schon auf dem Rückweg, durch den Lärchenwald, wo die Loipe leicht abfällt und man mit wenig Kraft lange gleiten kann. Wer die ganze Runde gelaufen ist, dreissig Kilometer, spürt jetzt jeden Muskel, von den Waden bis zu den Schultern. Langlauf ist der Sport, der den ganzen Körper braucht, und er fühlt sich am Abend genau so an.
Im Dorf wartet das Postauto, das mit dem Loipenpass gratis ist und die Läufer zurück zu ihren Hotels bringt. Die Ski kommen ins Gestell hinten im Bus, die Mützen bleiben auf. Im Restaurant am Dorfplatz gibt es Engadiner Nusstorte und heisse Schokolade, und an den Tischen werden Kilometer verglichen. Mirjams Gruppe sitzt in der Ecke. Alle sechs sagen, morgen gehen sie wieder.
Gian schläft um diese Zeit. Um elf Uhr nachts klingelt sein Wecker, und um Mitternacht fährt er wieder hinaus, auf den See, in die Dunkelheit, mit zwei Scheinwerfern und dem Wissen, dass niemand seine Arbeit bemerken wird, wenn er sie gut macht.
Ein Tag im Lärchental
- 0.00Die Spurmaschinen fahren hinaus — 180 km bis zum Morgen.
- 9.00Erste Lektion bei der Langlaufschule, ohne Stöcke.
- 11.00Seeloipe: zwölf Kilometer über das Eis.
- 13.00Mittag in der Loipenhütte am Waldrand.
- 15.30Mit dem Postauto zurück ins Dorf, Nusstorte inklusive.
Was es braucht
Für den ersten Tag braucht man nichts ausser warmer Kleidung in Schichten: Langlaufski, Schuhe und Stöcke gibt es im Verleih am Loipenzentrum, ab acht Uhr morgens. Wer noch nie auf schmalen Ski stand, beginnt mit dem klassischen Stil und einer Lektion. Skating ist schneller, verlangt aber Technik und Kondition. Die Seeloipe ist nur offen, wenn das Eis trägt — der Loipenbericht meldet es jeden Morgen um sieben.
Gut zu wissen
- Loipen
- 180 km, klassisch und Skating, jede Nacht gespurt
- Saison
- 1. Dezember bis 31. März
- Seeloipe
- Offen ab 25 cm Eis — Meldung um 7 Uhr
- Für Einsteiger
- Verleih und Lektionen am Loipenzentrum



