
Musterbeitrag
ReportageSonnenberg · Graubünden · 12. Dezember 2026
Erste Gondel um 7.45 Uhr
In Zusammenarbeit mit Sonnenberg-Arena und Hotel Bergkristall
Vierzig Zentimeter über Nacht, eine Stunde Vorsprung und ein Berg, der noch niemandem gehört. Wir waren dabei, als die Gipfelbahn vor allen anderen öffnete.
Text Redaktion First TracksFotos Unsplash9 Min. LesezeitIm Heft · 4 Seiten →
Um 6.30 Uhr ist es im Hotel Bergkristall noch dunkel. In der Lobby knistert der Holzofen, auf dem Tresen stehen Thermosflaschen mit Hagebuttentee, daneben ein Korb mit Birnbrot. Draussen liegt etwas, das man an diesem Morgen nicht sieht, sondern hört: nichts. Vierzig Zentimeter Neuschnee schlucken jedes Geräusch.
Die Früh-Gondel ist das Versprechen der Sonnenberg-Arena an ihre Stammgäste. An Powder-Tagen fährt die Gipfelbahn eine Stunde vor der regulären Öffnung — für Hotelgäste und Saisonkarten-Besitzer, die sich am Vorabend eingetragen haben. Wer mitwill, muss früh aufstehen. Das ist der ganze Trick. Und es ist erstaunlich, wie wenige ihn nutzen.
Gastgeberin Andrea steht seit sechs Uhr hinter dem Tresen. Sie kennt die meisten, die jetzt in Skisocken die Treppe herunterkommen, beim Vornamen. «An solchen Tagen sind alle zehn Minuten zu früh da», sagt sie und schiebt einem Gast das Birnbrot hin. «Niemand will der sein, der die Gondel verpasst.» Draussen schaltet sich die Beleuchtung der Talstation ein. Man sieht sie durch das Fenster, gelb und weich im Schneetreiben, fünfzig Meter entfernt.

Die Stunde vor allen anderen
An der Talstation stehen um 7.30 Uhr elf Leute. Niemand redet viel. Ein Pistenpatrouilleur erklärt, welche Hänge freigegeben sind und welche nicht, und warum das heute wichtig ist: Wind aus Nordwest, Triebschnee in den Rinnen, die Lawinengefahr auf Stufe zwei. Die Gipfelhänge links der Bahn sind offen, das Couloir unter dem Grat bleibt zu. Er sagt es zweimal, damit es alle gehört haben.
Es ist eine gemischte Gruppe. Ein Ehepaar aus Zürich, das seit zwanzig Jahren jeden Februar im Bergkristall bucht. Zwei Snowboarder aus dem Tal, die um halb zehn in der Werkstatt stehen müssen. Ein Vater mit seiner vierzehnjährigen Tochter, die zum ersten Mal dabei ist und versucht, nicht aufgeregt auszusehen. Was sie verbindet, ist ein Blick auf den Wetterbericht am Vorabend und ein Wecker, der um sechs geklingelt hat.
Dann gehen die Türen auf, und die Kabine steigt durch die Wolkendecke. Eine Minute lang sieht man nichts als Grau, Schneeflocken, die waagrecht an der Scheibe vorbeiziehen, und das eigene Spiegelbild. Auf 2400 Metern reisst der Himmel auf. Unter uns ein Nebelmeer bis zum Horizont, über uns tiefes Blau. Die Pistenfahrzeuge haben in der Nacht nur die Ziehwege gewalzt. Alles andere ist unberührt.


Die erste Linie
Marco fährt seit sechzehn Wintern für die Pistenpatrouille am Sonnenberg. Er war um fünf Uhr oben, hat die Hänge abgefahren, Sprengungen ausgelöst und die Absperrungen gesetzt, die jetzt als orange Linien im Weiss stehen. Für ihn ist die Früh-Gondel kein Geschenk, sondern Arbeit, die sich lohnt. «Die Leute, die so früh kommen, fahren am bewusstesten», sagt er. «Sie wissen, was sie bekommen. Und sie wollen es nicht kaputtmachen.»
Sein Morgen beginnt mit dem Schneeprofil. Um halb fünf gräbt er am Gipfelgrat ein Loch bis auf die Altschneedecke, prüft die Schichten mit dem Handschuh, liest die Temperatur ab und schreibt alles in ein abgegriffenes Notizbuch. Der Neuschnee liegt heute locker auf einer festen Unterlage, gebunden hat er kaum. Gut zum Fahren, heikel in steilen Rinnen. Deshalb die Absperrung am Couloir, deshalb das zweimalige Briefing. «Der schönste Hang ist nicht immer der richtige», sagt Marco. Es klingt nicht nach Belehrung, eher nach einem Satz, den er sich selbst jeden Morgen sagt.
Man fährt den ersten Hang anders als alle anderen an diesem Tag. Vorsichtiger, weil man nicht weiss, was unter dem Schnee liegt. Und gieriger, weil man weiss, dass er in einer Stunde zerfahren sein wird. Die ersten Schwünge sind steif, der Körper muss sich erinnern, wie Pulver funktioniert: Gewicht zentral, Druck auf beide Ski, nicht kämpfen. Dann stäubt der Schnee bis zur Brust, und für ein paar Sekunden hört man nur den eigenen Atem.
Unten dreht sich jeder um und schaut die eigene Linie an. Elf Spuren im Hang, keine kreuzt die andere. Die Tochter steht neben ihrem Vater und sagt eine Weile gar nichts. Dann: «Nochmal.» Die zweite Fahrt ist schneller, die dritte schon fast routiniert. Gegen halb neun sind die besten Hänge gezeichnet, aber nicht zerfahren. Das ist der Unterschied zwischen elf Menschen und elfhundert.
Um 8.45 Uhr kommt die Welt zurück
Um 8.45 Uhr öffnen die regulären Bahnen. Man merkt es zuerst am Geräusch: Stimmen an der Bergstation, das Klacken von Bindungen, ein Lautsprecher, der die Pistenverhältnisse durchgibt. Innerhalb einer Viertelstunde ist der Gipfelhang voller Spuren. Niemand aus der Frühgruppe ist böse darum. Die meisten sitzen um diese Zeit schon wieder im Bergkristall, die Wangen rot, die Hände um eine Tasse Kaffee, und erzählen sich gegenseitig die Abfahrt, die alle gemeinsam gemacht haben.
Das Frühstück im Bergkristall ist an solchen Tagen lauter als sonst. Andrea hat Rührei mit Bergkäse auf den Ofen gestellt, dazu Röstbrot, Butter von der Alp gegenüber und Konfitüre aus den Johannisbeeren hinter dem Haus. Das Haus ist seit drei Generationen in der Familie. Ihr Grossvater hat es 1962 gebaut, als die erste Sesselbahn auf den Sonnenberg ging, damals mit acht Zimmern und einer Stube, in der die Bergführer abends Karten spielten. Heute sind es 34 Zimmer, die Stube gibt es immer noch. Die Früh-Gondel war ihre Idee, erzählt Andrea, vor sieben Wintern am Stammtisch mit dem Betriebsleiter der Bahn. «Wir wollten etwas, das man nicht kaufen kann. Nur verdienen, mit dem Wecker.»
Für die Bergbahn rechnet sich die Stunde nicht über die Kasse. Die Früh-Gondel ist im Skipass inbegriffen, sie fährt an vielleicht zehn bis fünfzehn Tagen pro Winter und braucht Personal, das um fünf Uhr am Berg ist. Was sie bringt, ist etwas anderes: Gäste, die wiederkommen. Das Ehepaar aus Zürich hat seinen Februar für das nächste Jahr schon gebucht. Beim Frühstück, noch in den Skischuhen.
Am Nachmittag fängt es wieder an zu schneien. Die Bergbahn meldet für die Nacht weitere zwanzig Zentimeter. Ob das reicht, entscheidet sich um 18 Uhr. In der Lobby des Bergkristall stehen die Thermosflaschen schon bereit.
Was es braucht
Die Früh-Gondel fährt nur, wenn über Nacht mindestens 25 Zentimeter Neuschnee gefallen sind. Das entscheidet die Bergbahn am Vorabend um 18 Uhr. Wer den Schneealarm von First Tracks für den Sonnenberg eingeschaltet hat, weiss es in derselben Minute — per Mail, Push oder WhatsApp. Anmelden kann man sich bis 21 Uhr an der Hotelrezeption oder an der Kasse der Talstation.
Wer nicht im Hotel wohnt, braucht eine Saisonkarte. Gefahren wird nur auf den freigegebenen Hängen, abseits davon gilt dasselbe wie den ganzen Tag: Wer die Piste verlässt, tut das auf eigene Verantwortung und mit Ausrüstung. Und wenn um 18 Uhr die Meldung ausbleibt, ist das kein schlechter Tag. Dann fährt man um 8.45 Uhr wie alle anderen — und hat ausgeschlafen.
Um 6.30 Uhr ist es im Hotel Bergkristall noch dunkel. In der Lobby knistert der Holzofen, auf dem Tresen stehen Thermosflaschen mit Hagebuttentee, daneben ein Korb mit Birnbrot. Draussen liegt etwas, das man an diesem Morgen nicht sieht, sondern hört: nichts. Vierzig Zentimeter Neuschnee schlucken jedes Geräusch.
Die Früh-Gondel ist das Versprechen der Sonnenberg-Arena an ihre Stammgäste. An Powder-Tagen fährt die Gipfelbahn eine Stunde vor der regulären Öffnung — für Hotelgäste und Saisonkarten-Besitzer, die sich am Vorabend eingetragen haben. Wer mitwill, muss früh aufstehen. Das ist der ganze Trick. Und es ist erstaunlich, wie wenige ihn nutzen.
Gastgeberin Andrea steht seit sechs Uhr hinter dem Tresen. Sie kennt die meisten, die jetzt in Skisocken die Treppe herunterkommen, beim Vornamen. «An solchen Tagen sind alle zehn Minuten zu früh da», sagt sie und schiebt einem Gast das Birnbrot hin. «Niemand will der sein, der die Gondel verpasst.» Draussen schaltet sich die Beleuchtung der Talstation ein. Man sieht sie durch das Fenster, gelb und weich im Schneetreiben, fünfzig Meter entfernt.
- Neuschnee über Nacht
- 40 cmNeuschnee über Nacht
- Erste Gondel, eine Stunde vor allen
- 7.45Erste Gondel, eine Stunde vor allen
- Bis zum Talboden, ohne Halt
- 4 Min.Bis zum Talboden, ohne Halt
Die Stunde vor allen anderen
An der Talstation stehen um 7.30 Uhr elf Leute. Niemand redet viel. Ein Pistenpatrouilleur erklärt, welche Hänge freigegeben sind und welche nicht, und warum das heute wichtig ist: Wind aus Nordwest, Triebschnee in den Rinnen, die Lawinengefahr auf Stufe zwei. Die Gipfelhänge links der Bahn sind offen, das Couloir unter dem Grat bleibt zu. Er sagt es zweimal, damit es alle gehört haben.
Es ist eine gemischte Gruppe. Ein Ehepaar aus Zürich, das seit zwanzig Jahren jeden Februar im Bergkristall bucht. Zwei Snowboarder aus dem Tal, die um halb zehn in der Werkstatt stehen müssen. Ein Vater mit seiner vierzehnjährigen Tochter, die zum ersten Mal dabei ist und versucht, nicht aufgeregt auszusehen. Was sie verbindet, ist ein Blick auf den Wetterbericht am Vorabend und ein Wecker, der um sechs geklingelt hat.
Dann gehen die Türen auf, und die Kabine steigt durch die Wolkendecke. Eine Minute lang sieht man nichts als Grau, Schneeflocken, die waagrecht an der Scheibe vorbeiziehen, und das eigene Spiegelbild. Auf 2400 Metern reisst der Himmel auf. Unter uns ein Nebelmeer bis zum Horizont, über uns tiefes Blau. Die Pistenfahrzeuge haben in der Nacht nur die Ziehwege gewalzt. Alles andere ist unberührt.

Die erste Linie
Marco fährt seit sechzehn Wintern für die Pistenpatrouille am Sonnenberg. Er war um fünf Uhr oben, hat die Hänge abgefahren, Sprengungen ausgelöst und die Absperrungen gesetzt, die jetzt als orange Linien im Weiss stehen. Für ihn ist die Früh-Gondel kein Geschenk, sondern Arbeit, die sich lohnt. «Die Leute, die so früh kommen, fahren am bewusstesten», sagt er. «Sie wissen, was sie bekommen. Und sie wollen es nicht kaputtmachen.»
Sein Morgen beginnt mit dem Schneeprofil. Um halb fünf gräbt er am Gipfelgrat ein Loch bis auf die Altschneedecke, prüft die Schichten mit dem Handschuh, liest die Temperatur ab und schreibt alles in ein abgegriffenes Notizbuch. Der Neuschnee liegt heute locker auf einer festen Unterlage, gebunden hat er kaum. Gut zum Fahren, heikel in steilen Rinnen. Deshalb die Absperrung am Couloir, deshalb das zweimalige Briefing. «Der schönste Hang ist nicht immer der richtige», sagt Marco. Es klingt nicht nach Belehrung, eher nach einem Satz, den er sich selbst jeden Morgen sagt.
«Die erste Abfahrt dauert vier Minuten. Danach ist niemand mehr derselbe Mensch wie vorher — zumindest bis zum Frühstück.»
Man fährt den ersten Hang anders als alle anderen an diesem Tag. Vorsichtiger, weil man nicht weiss, was unter dem Schnee liegt. Und gieriger, weil man weiss, dass er in einer Stunde zerfahren sein wird. Die ersten Schwünge sind steif, der Körper muss sich erinnern, wie Pulver funktioniert: Gewicht zentral, Druck auf beide Ski, nicht kämpfen. Dann stäubt der Schnee bis zur Brust, und für ein paar Sekunden hört man nur den eigenen Atem.
Unten dreht sich jeder um und schaut die eigene Linie an. Elf Spuren im Hang, keine kreuzt die andere. Die Tochter steht neben ihrem Vater und sagt eine Weile gar nichts. Dann: «Nochmal.» Die zweite Fahrt ist schneller, die dritte schon fast routiniert. Gegen halb neun sind die besten Hänge gezeichnet, aber nicht zerfahren. Das ist der Unterschied zwischen elf Menschen und elfhundert.


Um 8.45 Uhr kommt die Welt zurück
Um 8.45 Uhr öffnen die regulären Bahnen. Man merkt es zuerst am Geräusch: Stimmen an der Bergstation, das Klacken von Bindungen, ein Lautsprecher, der die Pistenverhältnisse durchgibt. Innerhalb einer Viertelstunde ist der Gipfelhang voller Spuren. Niemand aus der Frühgruppe ist böse darum. Die meisten sitzen um diese Zeit schon wieder im Bergkristall, die Wangen rot, die Hände um eine Tasse Kaffee, und erzählen sich gegenseitig die Abfahrt, die alle gemeinsam gemacht haben.
Das Frühstück im Bergkristall ist an solchen Tagen lauter als sonst. Andrea hat Rührei mit Bergkäse auf den Ofen gestellt, dazu Röstbrot, Butter von der Alp gegenüber und Konfitüre aus den Johannisbeeren hinter dem Haus. Das Haus ist seit drei Generationen in der Familie. Ihr Grossvater hat es 1962 gebaut, als die erste Sesselbahn auf den Sonnenberg ging, damals mit acht Zimmern und einer Stube, in der die Bergführer abends Karten spielten. Heute sind es 34 Zimmer, die Stube gibt es immer noch. Die Früh-Gondel war ihre Idee, erzählt Andrea, vor sieben Wintern am Stammtisch mit dem Betriebsleiter der Bahn. «Wir wollten etwas, das man nicht kaufen kann. Nur verdienen, mit dem Wecker.»
Für die Bergbahn rechnet sich die Stunde nicht über die Kasse. Die Früh-Gondel ist im Skipass inbegriffen, sie fährt an vielleicht zehn bis fünfzehn Tagen pro Winter und braucht Personal, das um fünf Uhr am Berg ist. Was sie bringt, ist etwas anderes: Gäste, die wiederkommen. Das Ehepaar aus Zürich hat seinen Februar für das nächste Jahr schon gebucht. Beim Frühstück, noch in den Skischuhen.
Am Nachmittag fängt es wieder an zu schneien. Die Bergbahn meldet für die Nacht weitere zwanzig Zentimeter. Ob das reicht, entscheidet sich um 18 Uhr. In der Lobby des Bergkristall stehen die Thermosflaschen schon bereit.
Ein Powder-Morgen am Sonnenberg
- 6.30Tee und Birnbrot am Ofen in der Lobby des Bergkristall.
- 7.15Ski anschnallen — die Talstation liegt 50 Meter vor der Hoteltür.
- 7.45Erste Gondel. Briefing der Pistenpatrouille in der Kabine.
- 8.05Erste Spur am Gipfelhang. Danach: die zweite.
- 8.45Die regulären Bahnen öffnen. Für uns: Zeit fürs Frühstück.

Was es braucht
Die Früh-Gondel fährt nur, wenn über Nacht mindestens 25 Zentimeter Neuschnee gefallen sind. Das entscheidet die Bergbahn am Vorabend um 18 Uhr. Wer den Schneealarm von First Tracks für den Sonnenberg eingeschaltet hat, weiss es in derselben Minute — per Mail, Push oder WhatsApp. Anmelden kann man sich bis 21 Uhr an der Hotelrezeption oder an der Kasse der Talstation.
Wer nicht im Hotel wohnt, braucht eine Saisonkarte. Gefahren wird nur auf den freigegebenen Hängen, abseits davon gilt dasselbe wie den ganzen Tag: Wer die Piste verlässt, tut das auf eigene Verantwortung und mit Ausrüstung. Und wenn um 18 Uhr die Meldung ausbleibt, ist das kein schlechter Tag. Dann fährt man um 8.45 Uhr wie alle anderen — und hat ausgeschlafen.
Gut zu wissen
- Wann
- An Powder-Tagen ab 25 cm Neuschnee, 7.45 Uhr
- Wer
- Hotelgäste und Saisonkarten, Anmeldung bis 21 Uhr am Vorabend
- Preis
- Im Skipass inbegriffen
- Mitbringen
- Lawinenverschütteten-Suchgerät empfohlen, Helm Pflicht
Unser Tipp
Den ersten Hang nicht gleich voll fahren. Der Gipfelhang links der Bahn bekommt die Morgensonne zuerst — und bleibt am längsten pudrig.

Um 6.30 Uhr ist es im Hotel Bergkristall noch dunkel. In der Lobby knistert der Holzofen, auf dem Tresen stehen Thermosflaschen mit Hagebuttentee, daneben ein Korb mit Birnbrot. Draussen liegt etwas, das man an diesem Morgen nicht sieht, sondern hört: nichts. Vierzig Zentimeter Neuschnee schlucken jedes Geräusch.
Die Früh-Gondel ist das Versprechen der Sonnenberg-Arena an ihre Stammgäste. An Powder-Tagen fährt die Gipfelbahn eine Stunde vor der regulären Öffnung — für Hotelgäste und Saisonkarten-Besitzer, die sich am Vorabend eingetragen haben. Wer mitwill, muss früh aufstehen. Das ist der ganze Trick. Und es ist erstaunlich, wie wenige ihn nutzen.
Gastgeberin Andrea steht seit sechs Uhr hinter dem Tresen. Sie kennt die meisten, die jetzt in Skisocken die Treppe herunterkommen, beim Vornamen. «An solchen Tagen sind alle zehn Minuten zu früh da», sagt sie und schiebt einem Gast das Birnbrot hin. «Niemand will der sein, der die Gondel verpasst.» Draussen schaltet sich die Beleuchtung der Talstation ein. Man sieht sie durch das Fenster, gelb und weich im Schneetreiben, fünfzig Meter entfernt.
- Neuschnee über Nacht
- 40 cmNeuschnee über Nacht
- Erste Gondel, eine Stunde vor allen
- 7.45Erste Gondel, eine Stunde vor allen
- Bis zum Talboden, ohne Halt
- 4 Min.Bis zum Talboden, ohne Halt

Die Stunde vor allen anderen
An der Talstation stehen um 7.30 Uhr elf Leute. Niemand redet viel. Ein Pistenpatrouilleur erklärt, welche Hänge freigegeben sind und welche nicht, und warum das heute wichtig ist: Wind aus Nordwest, Triebschnee in den Rinnen, die Lawinengefahr auf Stufe zwei. Die Gipfelhänge links der Bahn sind offen, das Couloir unter dem Grat bleibt zu. Er sagt es zweimal, damit es alle gehört haben.
Es ist eine gemischte Gruppe. Ein Ehepaar aus Zürich, das seit zwanzig Jahren jeden Februar im Bergkristall bucht. Zwei Snowboarder aus dem Tal, die um halb zehn in der Werkstatt stehen müssen. Ein Vater mit seiner vierzehnjährigen Tochter, die zum ersten Mal dabei ist und versucht, nicht aufgeregt auszusehen. Was sie verbindet, ist ein Blick auf den Wetterbericht am Vorabend und ein Wecker, der um sechs geklingelt hat.
Dann gehen die Türen auf, und die Kabine steigt durch die Wolkendecke. Eine Minute lang sieht man nichts als Grau, Schneeflocken, die waagrecht an der Scheibe vorbeiziehen, und das eigene Spiegelbild. Auf 2400 Metern reisst der Himmel auf. Unter uns ein Nebelmeer bis zum Horizont, über uns tiefes Blau. Die Pistenfahrzeuge haben in der Nacht nur die Ziehwege gewalzt. Alles andere ist unberührt.


Die erste Linie
Marco fährt seit sechzehn Wintern für die Pistenpatrouille am Sonnenberg. Er war um fünf Uhr oben, hat die Hänge abgefahren, Sprengungen ausgelöst und die Absperrungen gesetzt, die jetzt als orange Linien im Weiss stehen. Für ihn ist die Früh-Gondel kein Geschenk, sondern Arbeit, die sich lohnt. «Die Leute, die so früh kommen, fahren am bewusstesten», sagt er. «Sie wissen, was sie bekommen. Und sie wollen es nicht kaputtmachen.»
Sein Morgen beginnt mit dem Schneeprofil. Um halb fünf gräbt er am Gipfelgrat ein Loch bis auf die Altschneedecke, prüft die Schichten mit dem Handschuh, liest die Temperatur ab und schreibt alles in ein abgegriffenes Notizbuch. Der Neuschnee liegt heute locker auf einer festen Unterlage, gebunden hat er kaum. Gut zum Fahren, heikel in steilen Rinnen. Deshalb die Absperrung am Couloir, deshalb das zweimalige Briefing. «Der schönste Hang ist nicht immer der richtige», sagt Marco. Es klingt nicht nach Belehrung, eher nach einem Satz, den er sich selbst jeden Morgen sagt.
Die erste Abfahrt dauert vier Minuten. Danach ist niemand mehr derselbe Mensch wie vorher — zumindest bis zum Frühstück.
Man fährt den ersten Hang anders als alle anderen an diesem Tag. Vorsichtiger, weil man nicht weiss, was unter dem Schnee liegt. Und gieriger, weil man weiss, dass er in einer Stunde zerfahren sein wird. Die ersten Schwünge sind steif, der Körper muss sich erinnern, wie Pulver funktioniert: Gewicht zentral, Druck auf beide Ski, nicht kämpfen. Dann stäubt der Schnee bis zur Brust, und für ein paar Sekunden hört man nur den eigenen Atem.
Unten dreht sich jeder um und schaut die eigene Linie an. Elf Spuren im Hang, keine kreuzt die andere. Die Tochter steht neben ihrem Vater und sagt eine Weile gar nichts. Dann: «Nochmal.» Die zweite Fahrt ist schneller, die dritte schon fast routiniert. Gegen halb neun sind die besten Hänge gezeichnet, aber nicht zerfahren. Das ist der Unterschied zwischen elf Menschen und elfhundert.

Um 8.45 Uhr kommt die Welt zurück
Um 8.45 Uhr öffnen die regulären Bahnen. Man merkt es zuerst am Geräusch: Stimmen an der Bergstation, das Klacken von Bindungen, ein Lautsprecher, der die Pistenverhältnisse durchgibt. Innerhalb einer Viertelstunde ist der Gipfelhang voller Spuren. Niemand aus der Frühgruppe ist böse darum. Die meisten sitzen um diese Zeit schon wieder im Bergkristall, die Wangen rot, die Hände um eine Tasse Kaffee, und erzählen sich gegenseitig die Abfahrt, die alle gemeinsam gemacht haben.
Das Frühstück im Bergkristall ist an solchen Tagen lauter als sonst. Andrea hat Rührei mit Bergkäse auf den Ofen gestellt, dazu Röstbrot, Butter von der Alp gegenüber und Konfitüre aus den Johannisbeeren hinter dem Haus. Das Haus ist seit drei Generationen in der Familie. Ihr Grossvater hat es 1962 gebaut, als die erste Sesselbahn auf den Sonnenberg ging, damals mit acht Zimmern und einer Stube, in der die Bergführer abends Karten spielten. Heute sind es 34 Zimmer, die Stube gibt es immer noch. Die Früh-Gondel war ihre Idee, erzählt Andrea, vor sieben Wintern am Stammtisch mit dem Betriebsleiter der Bahn. «Wir wollten etwas, das man nicht kaufen kann. Nur verdienen, mit dem Wecker.»
Für die Bergbahn rechnet sich die Stunde nicht über die Kasse. Die Früh-Gondel ist im Skipass inbegriffen, sie fährt an vielleicht zehn bis fünfzehn Tagen pro Winter und braucht Personal, das um fünf Uhr am Berg ist. Was sie bringt, ist etwas anderes: Gäste, die wiederkommen. Das Ehepaar aus Zürich hat seinen Februar für das nächste Jahr schon gebucht. Beim Frühstück, noch in den Skischuhen.
Am Nachmittag fängt es wieder an zu schneien. Die Bergbahn meldet für die Nacht weitere zwanzig Zentimeter. Ob das reicht, entscheidet sich um 18 Uhr. In der Lobby des Bergkristall stehen die Thermosflaschen schon bereit.
Ein Powder-Morgen am Sonnenberg
- 6.30Tee und Birnbrot am Ofen in der Lobby des Bergkristall.
- 7.15Ski anschnallen — die Talstation liegt 50 Meter vor der Hoteltür.
- 7.45Erste Gondel. Briefing der Pistenpatrouille in der Kabine.
- 8.05Erste Spur am Gipfelhang. Danach: die zweite.
- 8.45Die regulären Bahnen öffnen. Für uns: Zeit fürs Frühstück.
Was es braucht
Die Früh-Gondel fährt nur, wenn über Nacht mindestens 25 Zentimeter Neuschnee gefallen sind. Das entscheidet die Bergbahn am Vorabend um 18 Uhr. Wer den Schneealarm von First Tracks für den Sonnenberg eingeschaltet hat, weiss es in derselben Minute — per Mail, Push oder WhatsApp. Anmelden kann man sich bis 21 Uhr an der Hotelrezeption oder an der Kasse der Talstation.
Wer nicht im Hotel wohnt, braucht eine Saisonkarte. Gefahren wird nur auf den freigegebenen Hängen, abseits davon gilt dasselbe wie den ganzen Tag: Wer die Piste verlässt, tut das auf eigene Verantwortung und mit Ausrüstung. Und wenn um 18 Uhr die Meldung ausbleibt, ist das kein schlechter Tag. Dann fährt man um 8.45 Uhr wie alle anderen — und hat ausgeschlafen.
Gut zu wissen
- Wann
- An Powder-Tagen ab 25 cm Neuschnee, 7.45 Uhr
- Wer
- Hotelgäste und Saisonkarten, Anmeldung bis 21 Uhr am Vorabend
- Preis
- Im Skipass inbegriffen
- Mitbringen
- Lawinenverschütteten-Suchgerät empfohlen, Helm Pflicht
Unser Tipp
Den ersten Hang nicht gleich voll fahren. Der Gipfelhang links der Bahn bekommt die Morgensonne zuerst — und bleibt am längsten pudrig.





